Von Peter Heusch, 01.04.09, 23:07h, aktualisiert 01.04.09, 23:13h
In Paris musste zudem die Polizei einschreiten, um den reichsten Mann des Landes zu befreien. François-Henri Pinault, Chef des französischen Luxus- und Handelsgüterkonzerns PPR, hatten empörte Angestellte in einem Taxi eingekesselt, nachdem Pläne über den Abbau von 1200 Arbeitsplätzen in zwei seiner Filialen durchgesickert waren.
Immer häufiger müssen Manager als Sündenböcke oder als Blitzableiter für den wachsenden Zorn über die Folgen der Krise herhalten. Wie sehr sich das soziale Klima verschärft, belegen insbesondere die zunehmend ruppigen Methoden, mit denen bedrohte Arbeitsplätze verteidigt werden. Dabei besinnen sich die Angestellten auf Aktionsformen, die zuletzt im heißen Mai 1968 als gängiges Druckmittel eingesetzt wurden.
Öffentlichkeit unterstützt
die zornigen Arbeiter
„Wir haben nichts mehr zu verlieren, die haben unsere Jobs doch schon längst abgeschrieben“, erklärte ein Caterpillar-Gewerkschaftler die mit Illusionslosigkeit gepaarte Entschlossenheit der Arbeiter. Keinen Augenblick geben sich die „Geiselnehmer“ der Hoffnung hin, der Stellenabbau könne noch rückgängig gemacht werden. Aber wenigstens wollen sie ihrer Direktion einen verbesserten Sozialplan und „mindestens drei mal so hohe Abfindungen“ abtrotzen. „Wenn uns die Herren schon in Wüste schicken, sollen sie wenigstens bluten“, lautet das Motto der Kidnapper.
Nicht bluten aber gehörig schwitzen musste schon Mitte März der eine lange Nacht in seiner Fabrik eingesperrte Frankreich-Chef von Sony. Vergangene Woche ereilte den Werksdirektor des US-Konzerns 3M das gleiche Schicksal. In beiden Firmen fanden die Geiselnahmen nur deswegen ein rasches Ende, weil sich ihre Direktionen zu Neuverhandlungen über die Abfindungen bereit erklärten und auf Strafanträge verzichteten.
Durchweg gilt, dass Frankreichs zornige Arbeitnehmer auf die Unterstützung der Öffentlichkeit zählen können. Auch die Behörden schreiten selten gegen die „Feuerköpfe“ ein. Als letzte Woche 900 Beschäftigte des französischen Continental-Werks von Clairoix quer durch Paris zum Elysée-Palast marschierten, feuerten sie viele Bürger auf den Trottoirs an, bloß nicht klein beizugeben. Der harte, von Streiks flankierte Protest der „Contis“ gegen die Schließung ihrer Fabrik ist längst zum Symbol der Krise geworden. Erst Ende 2007 hatten die Angestellten einer deutlichen Verlängerung der Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich zugestimmt. Nun, wo das Werk 2010 trotzdem dicht gemacht werden soll, fühlen sie sich schändlich hintergangen.
Geiselnahmen von Managern sind nur die schlagzeilenträchtige Spitze eines Eisberges. Fabrikblockaden, Eierwürfe auf Manager, das symbolische Lynchen von Stoffpuppen auf dem Betriebsgelände - die Radikalisierung der Beschäftigten in Not ist unübersehbar geworden. Nichts fürchtet die Regierung derzeit mehr, als Ende des Jahres eine Million neuer Arbeitsloser zählen zu müssen. „Ruhe bewahren!“ hat Staatspräsident Sarkozy seinen Ministern trotz allem verordnet: „Wenn die Franzosen sehen, dass wir in Panik geraten, ist das Chaos da.“ Allerdings wird auch im Elysée-Palast mit Sorge registriert, dass sich die Anzeichen für eine drohende Sozial-Revolte bedenklich mehren.
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