Von Raimund Neuss, 10.04.09, 20:21h
Osterlachen! Risus paschalis! Kaum ein Kirchgänger (außer in Neu Wulmstorf) kennt es noch - dabei quillt die Kirchengeschichte von Exempeln über. Da zauberten Pfarrer angeblich selbst gelegten Eier aus ihren Gewändern. Anno 1518 kritisierte der Reformator Johannes Oekolampad die Osterbräuche am Baseler Münster, wo Priester bald wie Gänse schnatterten, bald wie ein Kuckuck riefen. Einer soll quiekend auf allen Vieren durch die Kirche gelaufen sein. Und 1643 bekam es Kurfürst Max I. von Bayern mit einer Beschwerde aus Dachau zu tun. Der Pfarrer hatte im „Ostermärlein“ von einem Paar erzählt, das sich auf dem Hühnerboden vergnügte; an passenden Stellen ließ er einen Knecht laut krähen.
Ja, es ging deftiger zu als heute. Pfarrer Richter hat seine Grenzen 2007 getestet: Drei Nonnen wollen das Kloster verlassen. Eine wird Friseuse, eine Stewardess, und Schwester Hilde stammelt, sie werde „Pro & Pro & Pro &“ Die Äbtissin, nach einem Ohnmachtsanfall: „Waaas willst du werden?“ Hilde: „Prostituierte!“ Die Äbtissin ist erleichtert: „Ich dachte schon, du wolltest protestantisch werden.“ Noch weiter, sagt Richter, würde er nicht gehen.
Aber warum muss man überhaupt so weit gehen? Von Jesus ist kein Witz überliefert. Seine Jünger waren wohl keine Kinder von Traurigkeit, und doch bleibt die Frage, ob in der Bibel überhaupt gelacht wird. Nee, meint Willibert Pauels, als Büttenredner („Ne Bergische Jung“) und katholischer Diakon doppelter Fachmann. Pauels: „Es sind Heilige Schriften, da scheint es nicht zu passen, wenn man sich kapott lacht“. Eine Ausnahme gibt es: Der Name Isaak kommt von hebräisch sahaq („lachen“). Mutter Sarah sagt nach Isaaks Geburt: „Gott hat mir ein Lachen zugerichtet.“ Den niederländischen Pfarrer und KZ-Häftling Willem-Eicke den Hartog hat das zu einer Predigt über das „Osterlachen“ bewegt: „Wo wir nur weinen konnten, wächst Gottes Lachen wunderbar.“ Vorgetragen am Ostermontag 1944 im „Pfarrerblock“ des KZ Dachau. Glaubenszuversicht, wie sie hier in größter Not formuliert wurde, hatte dem Osterlachen einst zum liturgischen Ort verholfen: während der Predigt in der Regel am Ostermontag. „Hintergrund ist die Überzeugung, dass mit der Auferstehung Christi der Tod seine Macht über den Menschen verloren hat“, sagt der Theologe und Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti, langjähriger Sprecher des Erzbistums Köln: „Niemand muss mehr den endgültigen Tod fürchten, nach dem individuellen Tod kommt etwas. Wie bringen Sie das einer Gemeinde bei, die mehrheitlich nicht lesen und schreiben kann? Sie lassen sie herzhaft lachen.“
Für Willibert Pauels gilt das heute noch. „Ostern zeigt: Der Mensch ist mehr als Biochemie. Diese Vorstellung befreit von der Angst, sie ist so befreiend wie das Lachen.“ Seit der Reformationszeit haben das Kleriker beider Konfessionen aber nicht ganz so entspannt gesehen und den Brauch bekämpft. In entlegenen Winkeln Süddeutschlands und Österreichs hielt er sich, bis 1906 etwa in Reischach (Landkreis Altötting). Der bayerische Pfarrer Josef Hamberger entdeckte das „Osterg´lachter“ in den 70er Jahren wieder. In der Wallfahrtkirche Fisslkling stieg er in barockem Ornat und mit Perücke auf die Kanzel. Vorbei, der alte Herr wurde 2003 pensioniert. Becker-Huberti: „Wer das Osterlachen heute noch veranstaltet, macht kein Aufhebens darum, sonst bekommt er von der Kirchenobrigkeit gleich eins auf die Tonsur.“
Wer bisher keins „auf die Tonsur“ bekommen hat, ist Willibert Pauels. Nur darf er Ostern in der Regel nicht predigen, dann ist der Pfarrer dran und nicht der Diakon. Also weicht er auf den Fastensonntag Laetare aus, der liturgisch als Vorahnung des Osterfestes konzipiert ist. Da erzählt er gern seinen Lieblingswitz: den von Tünnes, Schäl und der Auferstehung. Auch wenn es den Friedhof Melaten damals noch nicht gab, stellt Pauels sich diesen Witz am liebsten im mittelalterlichen Köln vor, stellt sich vor, wie sich die Gläubigen unter den bunten Glasfenstern von St. Kunibert drängen, stellt sich vor, wie die Kirche vor dem Gelächter der Leute fast birst. Dass evangelische Geistliche das Osterlachen neu entdecken, erklärt Becker-Huberti mit einer „Saugwirkung“: In der evangelischen Kirche kehre das lang verdrängte Sinnliche zurück - Krankenölung, Stola, Messgewänder und nun das Osterlachen.
Allerdings nicht mit Hühnergegacker. Bei Pfarrer Matthias Welsch aus dem hessischen Rödermark geht es vielmehr scharfsinnig zu: Der große Theologe Karl Barth kommt in den Himmel. Petrus begrüßt ihn, meint aber, zunächst müsse Barth eine Prüfung bestehen. Im Prüfungszimmer warten Gottvater, Jesus Christus und der Heilige Geist. Stunden vergehen. Petrus, draußen, wird langsam nervös. Nach sieben Stunden springt endlich die Tür auf, Jesus stürzt heraus. Petrus fragt entsetzt, ob Barth etwa durchgefallen ist. Jesus: „Barth? Der nicht. Aber der Heilige Geist!“ Den Witz gibt es so ähnlich auch „auf katholisch“ mit Joseph Ratzinger.
Es geht auch einfacher. Ein Gag zum Beginn der Predigt: „Als Jesus auferstand, erschien er zuerst einigen Frauen, damit die Sache schneller bekannt würde“ - und schon hat Pfarrer Richter seine Hörer gewonnen. Aber den Witz mit Frau Meier hat er doch lieber erst am Schluss des Gottesdienstes erzählt. Also, Frau Meier verrät dem Pfarrer ihren letzten Wunsch: „Nun möchte ich doch katholisch werden.“ Der Pfarrer redet ihr gut zu: „Ihr ganzes Leben lang waren Sie evangelisch, und nun, am Ende, werden Sie unsere Kirche doch nicht verlassen.“ Frau Meier: „Ja, aber es geht doch ans Sterben, und besser stirbt einer von denen als einer von uns.“
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