Von Peter Heusch, 15.04.09, 21:40h, aktualisiert 17.04.09, 14:21h
Was genau der Präsident sich darunter vorstellt, weiß er übrigens selber nicht. Sarkozy bat schon Ende 2007 zehn Architekten von internationalem Renommee um Ideen und Vorschläge. Sieben Franzosen, ein Brite, ein Niederländer und der Deutsche Finn Geipel stellten sich der Herausforderung. Ihre durchweg spektakulären Entwürfe und urbanistischen Visionen wird das Pariser Architekturmuseum nun Ende April erstmals einem breiten Publikum zugänglich machen.
Völlig freie Hand freilich wollte Sarkozy den Planern der Pariser Zukunft nicht lassen. Zum einen hatte der Präsident vorgeschrieben, dass alle Entwürfe die Kriterien des Kyoto-Protokolls - des UN-Abkommens zur Senkung von Treibhausgasen - respektieren müssen. Umweltfreundliche öffentliche Transportmittel, viel Grün und eine effiziente Energieversorgung standen von vornherein im Lastenheft.
Zum anderen ging es darum, die Pariser Vorstädte in das urbanistische Konzept einzubeziehen. Gerade diese zweite Vorgabe ist weniger Vision denn pure Notwendigkeit. Im Vergleich mit anderen Weltstädten nämlich nimmt sich die Seine-Metropole - ohne die Vorstädte - mit ihren auf lediglich 105 Quadratkilometern zusammengepferchten zwei Millionen Einwohnern als „winzig“ aus. Ein Groß-Paris ohne die Integration der durch den achtspurigen Ring der Stadtautobahn „Periphérique“ hart abgegrenzten und vernachlässigen Vororte wäre schlicht undenkbar.
Notwendig, aber eben auch höchst kompliziert in der Umsetzung. Kein Wunder also, dass die Entwürfe der zehn Architekten zu sehr verschiedenen, ja stellenweise gegensätzlichen Lösungsvorschlägen kommen. Während einige Projekte eher ein Utopia des 22. Jahrhunderts zu umreißen scheinen, ließen sich andere mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln und in wenigen Jahren umsetzen.
Zu letzteren gehört die Schwebebahntrasse direkt über der jeden Tag stundenlang von Pendlern verstopften Autobahn A 86 als Vorschlag zur Verbesserung des notorisch überlasteten Nahverkehrssystems im Pariser Großraum. Diese Idee stammt ebenso aus dem Büro des Star-Architekten Christian de Portzamparc wie die Anlage eines neuen Großbahnhofs im Vorort Aubervilliers. Er würde den im Pariser Zentrum gelegenen Nordbahnhof überflüssig machen und dort Raum schaffen für eine großzügige Parklandschaft.
Schwieriger umzusetzen wären die Pläne von Richard Rogers, die die Boulevards in begrünte Flaniermeilen verwandeln sowie Paris in eine nahezu autofreie Stadt für Fußgänger und Radfahrer. Und ginge es nach dem Alt-68er Roland Castro, würde die Betonwüste des Seine-Hafens im Vorort Gennevilliers einem geschwungenen Opernbau wie in Sydney weichen, während sich in La Courneuve rings um einen „Central Park“ à la Manhattan ein Wolkenkratzer neben dem anderen zu einer Skyline auftürmt, die das benachbarte Hochhausviertel La Defense zu einem putzigen Legoland degradiert.
Sein Groß-Paris, „ökologisch und attraktiv“, soll bis 2030 in den Grundzügen umgesetzt sein, hat Sarkozy versprochen. Diese Zeitvorgabe ist verflixt ehrgeizig, zumal ja bislang noch nicht einmal feststeht, welche der ihm vorgelegten Vorschläge der Präsident zu berücksichtigen gedenkt. Kritiker bezweifeln ohnehin, dass der Staat über die politischen und finanziellen Mittel verfügt, um solch tief greifende Änderungen einfach von oben durchzusetzen.
„Das Ganze ist nicht weiter als edel aufbereitete heiße Luft“, glaubt ein Vertrauter des sozialistischen Pariser Bürgermeisters Bertrand Delanoe, der seit langem über eigenen Plänen für ein Groß-Paris brütet. Doch auch im Rathaus gibt man zu, dass „die Seine-Metropole in ihren Grenzen zu ersticken droht“. Und fügt hinter vorgehaltener Hand an, dass Sarkozys Initiative zumindest den Vorteil hat, mit nachhaltigen Denkanstößen eine wichtige Debatte endlich richtig anzustoßen.
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22. April 2012,
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