Von Walter Willems und Torsten Sülzer, 24.04.09, 23:26h
Mit jährlich fast 60 000 Neuerkrankungen ist Prostatakrebs in Deutschland die häufigste Tumorart bei Männern. Früh entdeckt, lässt sich das Karzinom gut behandeln. Hat die Geschwulst aber schon Metastasen gebildet, ist die Prognose schlecht. 11 000 Männer sterben jährlich an der Erkrankung. Ein Bluttest, der die Konzentration des in der Vorsteherdrüse gebildeten Prostata-spezifischen Antigens (PSA) misst, kann zeitig auf den Tumor hindeuten. In Deutschland nehmen weniger als 20 Prozent der Männer die Vorsorge in Anspruch; den 25 bis 40 Euro teuren Test müssen sie aus eigener Tasche zahlen.
Warnung vor „Übertherapie“
Das Verfahren kann zwar ein Karzinom im Frühstadium aufspüren, aber sehr zuverlässig ist es nicht. Ein erhöhter PSA-Wert liefert lediglich einen Verdacht. Werden bei einer Biopsie tatsächlich bösartige Zellen entdeckt, wird der Tumor meist entweder bestrahlt oder operativ entfernt.
Beides birgt Risiken wie Inkontinenz oder Impotenz, wobei das Westdeutsche Prostatazentrum in Köln modernen strahlentherapeutischen Methoden deutlich den Vorzug gibt, da es Inkontinenz „praktisch nicht“ und Impotenz „nur selten“ nach sich ziehe. Zum Nutzen der PSA-Früherkennung liefern zwei Studien - eine europäische und eine amerikanische - im „New England Journal of Medicine“ nun konkrete Zahlen. Aber die lassen sich interpretieren. Die laut vieler Experten zuverlässigere europäische Studie untersuchte 180 000 Männer, von denen ein Teil alle vier Jahr den PSA-Wert prüfen ließ.
Bei ihnen lag die Mortalität, die Sterberate, im Zeitraum von neun Jahren um 20 Prozent niedriger als in der Kontrollgruppe. „Die Studie zeigt eindeutig, dass das PSA-Screening Leben rettet“, folgert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Manfred Wirth. Er erwartet, dass der Nutzen des Tests sich im weiteren Verlauf der Studie noch deutlicher zeigt.
Dagegen warnen Kritiker vor der Gefahr der Überdiagnose und -therapie. Denn bei älteren Männern sind bösartige Zellen in der Prostata weit verbreitet: Bei mehr als der Hälfte der über 60-Jährigen und bis zu 80 Prozent der über 80-Jährigen enthält die Vorsteherdrüse Krebszellen. Aber weil das Prostatakarzinom gewöhnlich extrem langsam wächst, verursacht bei weitem nicht jeder Tumor zu Lebzeiten Beschwerden. „Der Test findet Karzinome, die klinisch nicht in Erscheinung treten würden“, sagt Nikolaus Becker vom Deutschen Krebsforschungszentrum.
„Bei aller Kritik: PSA-Test rettet Leben“
Auch dies zeigt die Studie: Statistisch gesehen mussten 1410 Männer getestet und 48 Tumore behandelt werden, um ein Leben zu retten. Die übrigen 47 Karzinome führten - zumindest in den ersten neun Jahren - nicht zum Tod und verursachten zum Teil nicht einmal Beschwerden. „Die PSA-Früherkennung bietet allenfalls einen kleinen Nutzen, der durch erhebliche Nachteile erkauft wird“, bemängelt Becker. „Es ist nicht Sinn der Früherkennung, gesunde Menschen zu Kranken zu machen.“ Die Gefahr möglicher „Übertherapien“ sieht auch Dr. Stephan Neubauer vom Westdeutschen Prostatazentrum Köln. Diese Gefahr müsse man auch im Auge behalten. Aber: „Es ist allerdings keine Lösung, den PSA-Test aus dem Früherkennungsinventar zu streichen“, sagt er - und verweist auf große Erfolge: Früher sei jeder zweite Prostatakrebs, der entdeckt wurde, nicht mehr heilbar gewesen. Heute sei diese Rate auf fünf Prozent gesunken. Bei aller Kritik, so der Kölner Urologe, dürfe also nicht vergessen werden, dass der PSA-Test Leben rette.
Allerdings sei es noch immer an der Tagesordnung, dass PSA-Werte falsch interpretiert und vorschnell gehandelt werde. Ein einmalig erhöhter Wert rechtfertige noch keine Gewebeentnahme. Vielmehr müsse der Verlauf der Werte zunächst sorgfältig beobachtet werden. Ursachen für einmalig erhöhte Werte könnten Fahrradfahrt oder Samenerguss kurz vor der Untersuchung sein.
Peter Albers von der Deutschen Krebsgesellschaft rät generell, den Wert im Alter von 40 Jahren einmalig bestimmen zu lassen. Danach sollten sich jene Männer häufiger testen lassen, die entweder wegen einer hohen Konzentration des Markers oder wegen familiärer Vorbelastung besonders gefährdet seien.
Eine eindeutige Aussage lieferten beide Studien zumindest für ältere Männer: Demnach ist eine Früherkennung dann nicht mehr sinnvoll, wenn die Lebenserwartung noch weniger als zehn Jahre beträgt - andernfalls schon.
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22. April 2012,
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