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Interview

„Ich bin kein weiser Buddhist in der Zelle“

Erstellt 25.05.09, 20:11h, aktualisiert 26.05.09, 17:20h

Für „Das weiße Band“, eine Gewalt- und Schuldstudie in einem Dorf kurz vor dem Ersten Weltkrieg, bekam Michael Haneke die Goldene Palme in Cannes. Kurz zuvor sprach der Regisseur mit Dieter Osswald.

Haneke
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Der in München geborene Österreicher Michael Haneke. (Bild: dpa)
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Der in München geborene Österreicher Michael Haneke. (Bild: dpa)

Sie haben mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle „Die Klavierspielerin“ gedreht und sind mit ihr befreundet - war es ein Problem, dass sie als Jury-Präsidentin über Ihren Film entscheiden musste?

Das müsste man die Festivalleitung fragen: Die haben mich eingeladen und die Jury so formiert. Aber Isabelle ist integer und intelligent genug, die Palme dem besten Film zu geben.

Der deutsch-österreichische Streit, welches Land Anspruch auf einen Film hat, reicht zurück bis „Sissy“. Bei Ihnen kamen Geld und Akteure aus Deutschland, ist es dennoch ein österreichisches Werk?

Es ist ein Haneke-Film. Der Rest ist mir egal. (lacht)

Einmal mehr zeichnen Sie ein düsteres Bild der Gesellschaft - haben Sie keine Hoffnung?

Natürlich mache ich mir Sorgen um die Zukunft unserer Welt. Und ein Drama ist dazu da, Konflikte zu zeigen und nicht Idyllen. Doch bin ich nicht der weise Buddhist in der Klosterzelle, der alle Antworten auf die Grundfragen dieser Welt geben kann. Ich sehe „Das weiße Band“ als strengen Film über die Strenge.

Von einem Regisseur, der selbst streng erzogen wurde?

Nicht so sehr, mein Vater ist zwar Protestant, aber ich stamme aus einer Schauspielerfamilie, da ist nicht alles so streng.

Wären Sie einverstanden mit dem Prädikat "Beste Literaturverfilmung ohne Vorlage"?

Wenn es Ihnen Spaß macht, gern (lacht). Die Entscheidung, einen Erzähler einzusetzen und in Schwarzweiß zu drehen, soll dafür sorgen, die Geschichte ein bisschen zu distanzieren und mehr Objektivität in die Erzählweise einzubringen.

Wie weit verstehen Sie den Film als Studie über das Entstehen von Faschismus?

Durch die Zeit und den Ort ist das Thema Faschismus naheliegend. Ich möchte aber nicht, dass man den Film darauf reduziert. Es geht vielmehr um die Ursprünge von jeder Form von Terrorismus. Wenn Prinzipien oder Religionen verabsolutiert werden, werden sie automatisch pervertiert und unmenschlich. Sobald eine Idee zur Ideologie wird, wird sie gefährlich. Absolutheitsansprüche sind die Wurzel von jeder Art des Terrorismus.

Woher kommt Ihre Faszination für die Frage von Schuld?

In unserer jüdisch-christlichen Welt bekommen wir alle die Schuldfrage schon mit der Muttermilch eingeimpft. Das normale Unterhaltungskino verdrängt diese Dinge gerne. Wer sich ernsthaft mit der Welt auseinander setzt, kommt gar nicht am Thema Schuld vorbei. Mich wundert eher, wie wenig davon gesprochen wird. Ich bin nicht süchtig nach Schuld und gewiss kein Freund von Gewalttätigkeiten - aber man kann die Augen davor ja nicht verschließen.

Was würden Sie als Botschaft Ihres Filmes sehen?

Ich halte es da mit dem alten Sam Fuller, der einmal sagte: "Wenn du eine Botschaft hast, verschicke sie mit der Post".

Privat immerhin sind Sie ein fröhlicher Mensch?

Ich hoffe doch sehr. Fröhlich ist vielleicht übertrieben, aber ich sehe keinen Grund, zum Lachen in den Keller zu gehen. Ich finde es ohnehin falsch, die Kunst immer mit der Psychologie des Autors zu erklären. Wenn Situationen schlimm dargestellt werden, liegt es oft eher an diesen schlimmen Situationen als daran, dass der Autor ein Schwarzseher ist.



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