Von Klaus Keil, 14.06.09, 23:01h
Stattdessen eine leere schwarze Bühne mit weißem Boden und zwei sensibel angepasste Projektionen mit einem Wasserfall und knorrigem Geäst. Die Männer in Schwarz, die Frauen in Weiß; erst später lockert sich das Bild mit den gewohnt farbigen Kleidern.
Größere Intensität durch LangsamkeitDas überraschend Neue aber ist ein Tanz voll unerwarteter Langsamkeit, getragen von einer oft melancholischen Musik, instrumental oder als Chanson. Eine Langsamkeit, die den typischen Pina-Bausch-Bewegungen - bis hin zum Haarschwung - eine noch stärkere Intensität verleiht.
Das noch namenlose Stück ist eine Koproduktion des Tanztheater Wuppertal mit dem chilenischen Teatro Santiago a Mil und dem Goethe-Institut Chile. Gleich die erste Szene führt zurück in die politische Vergangenheit Chiles. Eine Frau kniet auf allen Vieren. Zwei Männer heben sie an. Sie beginnt zu schreien. Das wiederholt sich mehrfach. Eine andere wird über einer Stange hängend getragen. Andeutung von Folter? Auch Dominique Mercy´s großartiges Solo ist von Leid und Tragik geprägt. Pina Bauschs Inszenierungen sind nie explizit politisch. Feinsinnig werden in ihren Koproduktionen jedoch landestypische Phänomene angedeutet - und verstanden. Unmerklich erst, dann sichtbar, reißt der Boden auf. Wie auf Eisschollen wird weitergetanzt. Ein verstörendes Bild, mit der der Kölner Bühnenbildner Peter Pabst wohl auf die bis heute zerrissene Gesellschaft Chiles verweisen will. Rainer Behr hangelt an einem Seil über dem Abgrund. Ditta Miranda Jasjfis Bewegungsraum wird von einem straffen Seil an ihrem Körper eingeschränkt.
Zwei Tänzer in Liegestütz: obenauf sitzt eine Tänzerin, eine Last, die sie geduldig tragen. Versöhnen, nicht spalten, scheint das - unausgesprochene - Motto dieses Stückes. Reichlich werden untereinander Küsse verschenkt oder kokett geraubt, dabei setzt es schon mal eine Ohrfeige, und sogleich wird wieder mit einem Kuss getröstet.
Grandios komödiantisch die Szene mit Fernando Suels auf einem Stuhl, der nacheinander jede Tänzerin mit überschwänglichem Pathos begrüßt, als sei sie die einzig Erwartete. Schließlich finden sich alle in einer bunten diagonalen Sitzreihe hintereinander, sich gegenseitig die Haare streichelnd (oder lausend?), nach hinten kippend, wieder aufrichtend.
Typisch Bausch auch die auf dem Bauch liegenden Tänzer, von vorn nur Kopf und Arme sichtbar, mit denen sie einen urkomischen Tanz der Arme veranstalten. In diesem Stück wird getanzt wie lange nicht. Jeder hat sein Solo. Und das ist neu dabei: die Tänzerinnen und Tänzer variieren stärker als sonst die typischen Bausch-Verschraubungen des Körpers auf ihre individuelle Weise: ein großartiger Zugewinn für das Stück und den Tanz in Wuppertal.
Opernhaus Wuppertal-Barmen: Dauer: 2 ½ Stunden, eine Pause. Nächste Vorstellungen: 16., 17., 19., 20. und 21. Juni 2009 Karten: 0202-569-4444
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22. April 2012,
E-Werk Köln