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Leonard Cohen

Ein Quantum Selbstironie

Von Hans-Willi Hermans, 02.07.09, 20:45h

Altmeister Leonard Cohen begeisterte mit seinen oft politischen Songs 7.500 Zuschauer in der Lanxess-Arena. Gegen die Apokalypse, all das persönliche Versagen, Zweifel und Selbstzweifel hat Cohen nur ein Heilmittel zu bieten.

Leonard Cohen
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Der Mann mit Hut: Leonard Cohen gastierte in Köln. (Archivbild: dpa)
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Der Mann mit Hut: Leonard Cohen gastierte in Köln. (Archivbild: dpa)
KÖLN - Am Gitter der Hohenzollernbrücke hängt neben unzähligen anderen ein nagelneues Schloss. Leonard Cohen hat es persönlich angebracht und den Schlüssel sogleich in den Rhein geworfen. Dann ist er weiter in den Dom gezogen und hat vor der Muttergottes eine Kerze angezündet. Wozu das gut sein soll, ist ihm als Spross einer der führenden jüdischen Familien Montréals ein wenig schleierhaft, wie er in der Lanxess-Arena vor 7500 Zuhörern freimütig bekennt. Aber sicher ist sicher, wird er sich gesagt haben.

Liebe als Mittel zum Überleben

Es fällt auf, dass der 74-Jährige beim Auftakt seines neuerlichen Konzertmarathons durch Europa mit über 30 Auftritten „Democracy“ aus dem Programm gestrichen hat. Im Sommer und Herbst 2008 war das Stück, in dem der Sänger sarkastisch die Ankunft der Demokratie in Amerika erwartet, noch fester Bestandteil der Setlist - eine Auslassung, die man durchaus als Vertrauensvorschuss in Richtung Obama werten darf.

Und doch geistern wieder zu Anfang Stalin, die Berliner Mauer, ökologische Katastrophen, Crack und „lausige kleine Poeten, die versuchen, wie Charlie Manson zu klingen“, durch „The Future“. Gegen die Apokalypse, all das persönliche Versagen, Zweifel und Selbstzweifel hat Cohen nur ein Heilmittel zu bieten: „Love's the only Engine of Survival“. Liebe als „einzige Überlebensmaschine“ - das könnte himmelschreiend kitschig sein, gerade weil er die quasi-religiöse Dimension noch durch die sakrale Anmutung seines Auftritts unterstreicht. Durch warmes Licht, durch die Engelsstimmen der Background-Sängerinnen, durch die mollig-sanfte Soundoberfläche der neunköpfigen Begleitgruppe, die nur durch Javier Mas' virtuose und verhalten scheppernde Einlagen auf Laute und Banduria leicht angekratzt wird. Aber Leonard Cohen beglaubigt all das mit einer Haltung, die man nur als nobel und würdevoll bezeichnen kann, gerade weil stets ein Quantum Selbstironie im Spiel ist.

Als zerbrechlicher Mönch im eleganten Anzug steht er da, zieht seinen Hut vor Publikum und Musikern, redet bedächtig, tänzelt ein wenig, schwärmt von seiner „golden voice“. Und in der Tat ist es diese raue, charismatische Nicht-Stimme, die mittlerweile so sicher und nuancenreich in den Phrasierungen ist, so beschwörend und präsent, dass sie das Gefühl von Vertrautheit und Intimität noch in den letzten Winkel der Arena trägt.

Auch angesichts der offensichtlichen Zuneigung für die eigenen Songs ist kaum zu glauben, dass dieser Mann 15 Jahre pausiert haben soll. Kaum zu glauben auch, dass solche durchgängig düster grundierten Lieder, die über die Jahre zumal betont grimmige Kollegen wie John Cale oder Nick Cave zu Interpretationen drängten, so gelöst klingen, so tröstend und ermutigend sein können. „Hallelujah“, „Ain't no Cure for Love“, „Marianne“ und „Suzanne“, „Take this Waltz“ mit dem Text von Federico Garcia Lorca: Cohen ignoriert die Abgründe nicht, aber zurück bleibt der Eindruck von Hoffnung, das große Trotz-Alledem. Mit Einschränkungen sogar in den überwältigenden Versionen des alttestamentarischen „Who by Fire“ und des KZ-Lieds „The Partisan“, in denen noch einmal das beinahe Militärisch-Straffe seiner frühen Aufnahmen aufscheint.

Irgendwann sind dreieinviertel Stunden um, das hingerissene Publikum hat sich während der sieben Zugaben erst gar nicht mehr hingesetzt. Und der weise alte Mann gibt uns noch ein paar Ratschläge mit auf den Weg: „Be careful“ und „Be kind“: „Seid vorsichtig und seid freundlich“ - obwohl Letzteres manchmal ziemlich schwierig sein kann. Dass es einfach wird, hat er ja nie behauptet.



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