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Historische Puzzles an Bauschutt

Von GREGOR RITTER, 04.07.09, 07:03h

Es ist eine Trophäe, die Susanne Harke-Schmidt auf ihrem Bücherregal platziert hat - wenn auch der Stein äußerlich nicht so viel her macht. Wo er herkommt ist entscheidend...

KERPEN / KÖLN.Es ist eine Trophäe, die Susanne Harke-Schmidt auf ihrem Bücherregal platziert hat - wenn auch der Stein äußerlich nicht so viel her macht. Wo er herkommt ist entscheidend. Früher zierte er die Fassade des Kölner Stadtarchivs, am vergangenen Freitag entdeckte ihn Harke-Schmidt in einer Lagerhalle im Süden Kölns in einem der zahlreichen Umzugskartons, die sie durchforstete - und erhielt die Erlaubnis, den stummen Zeitzeugen mitzunehmen.

Erstversorgungszentrum wird die betreffende Halle genannt, in der Kerpener Stadtarchivarin Harke-Schmidt sieben Tage im Einsatz war und half, die Hinterlassenschaften aus den Trümmern an der Severinstraße zu ordnen. Eine schier endlose Arbeit, ohne Unterlass wurden neue Umzugskartons mit Materialien angeliefert, welche Hilfskräfte geborgen und Fachleute vor Ort einer ersten Kontrolle unterworfen hatten. Die Aufgabe von Harke-Schmidt und den vielen anderen Helfern, darunter einen Tag lang der stellvertretende Vorsitzende der Kerpener Heimatfreunde Rolf Axer: Inhalt mit Handfeger grob säubern, erkennen, worum es sich handelt, katalogisieren, wenn noch feucht in ein Vließ packen und ab damit in eine der zahllosen nummerierten blauen Plastikwannen, deren Inhalt dann in den verschiedensten Archiven Deutschlands zwischengelagert wird.

Hört sich einfach an, ist es aber nicht. Vor allem, wenn ein Haufen Papierschnipsel auf dem Tisch liegt - davon weiß Axer leidvoll zu berichten. Oder wenn es sich beispielsweise um Dokumente des sogenannten Enttrümmerungsamtes handelt, die Harke-Schmidt und Axer Blatt für Blatt zusammenzupuzzeln hatten. „Erst haben wir sie nach Seitenzahlen sortiert, dann stellten wir fest, dass die Schrift unterschiedlich war“, berichtet Axer. Also alles noch einmal von vorne - kein Job für Ungeduldige.

Manchmal war auch Fachfrau Harke-Schmidt überfordert und musste Rat bei den Kölner Kollegen suchen, etwa was Dokumente einer bekannten Kölner und Düsseldorfer Familie anging. Teils sei der Zustand des Materials erschreckend, teils aber auch erstaunlich unversehrt, resümiert Harke-Schmidt, in vielen Fällen hat sie festgestellt: Je älter, desto besser, was unter anderem an der Papierqualität und der aufwändigeren Bindung liege.

Für Harke-Schmidt war es eine Herzensangelegenheit, tätig zu werden, schließlich war das Archiv der Domstadt für ihre Tätigkeit stets eine Fundgrube gewesen. So wie sie dachten viele, von der großen Solidarität zeugen nicht nur Kollegen aus ganz Deutschland, sondern auch aus Frankreich und Holland, die allesamt mit anpackten, teils sogar Urlaub dafür nahmen. Von 7 bis 14 Uhr und von 14 bis 21 Uhr währten die Schichten, und auch samstags wurde gesäubert, sortiert und weggepackt, bis zu 80 bis 90 Menschen waren zeitgleich im Einsatz. Wohlgemerkt samt und sonders im Stehen.

Trotz des tragischen Hintergrunds - humorfrei gestaltete sich das große Aufräumen nicht. „Man muss ja nicht vor jeder Akte in Tränen ausbrechen“, findet Harke-Schmidt, und viele Mitstreiter sahen dies ähnlich. Ein Kollege aus Göteborg gar bemerkte halb im Scherz: Die Bestände aus säurehaltigem Papier hätten so viel Kalk abbekommen, dass die aufwendige Entsäuerung, um sie vor dem Verfall zu schützen, nun nicht mehr notwendig sei.

Rund 80 bis 85 Prozent des Archivfundus, so berichtet die Stadtarchivarin, sind mittlerweile geborgen - die Arbeiten seien so weit fortgeschritten, dass sie ihr Angebot, am vergangenen Samstag noch einmal anzutreten, nicht wahr machen musste.

Für sie ist die Arbeit damit zunächst abgeschlossen - es sei denn, ihr Angebot, einen Teil der Fundstücke in Kerpen einzulagern, stößt noch auf Resonanz. Rund 300 Regalmeter hat sie frei, 100 im Archiv, 200 im Rathaus - angesichts der Ausmaße des ehemaligen Stadtarchivs von 26 bis 30 Kilometern Regalplatz eine Winzigkeit. Dennoch: „Hier ist alles klimatisiert und gesichert“, wirbt die Stadtarchivarin.



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