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Sauerland-Prozess

Terror aus der deutschen Provinz

Von Jens Meifert, 19.04.09, 23:01h

Als Anschlagsziele haben sie sich amerikanische Bars und Militäranlagen ausgesucht. Mit Autobomben wollten sie laut Ermittlern verheerende Unglücke herbeiführen. Im Hochsicherheitstrakt des Oberlandgerichts Düsseldorf beginnt Mittwoch der Prozess gegen die Sauerland-Gruppe.

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Aus der Mitte der deutschen Gesellschaft: Adem Yilmaz (29), Fritz Gelowicz (29), Daniel Schneider (22) (v.l.) bei ihrer Festnahme im September 2007. (Bild: dpa)
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Aus der Mitte der deutschen Gesellschaft: Adem Yilmaz (29), Fritz Gelowicz (29), Daniel Schneider (22) (v.l.) bei ihrer Festnahme im September 2007. (Bild: dpa)
Auf der Suche nach Offenbarung ist Fritz Gelowicz fündig geworden. „Irgendwann erkennt man, dass Gott einen Propheten geschickt hat“, antwortete er dem „Stern“ auf die Frage, warum er zum Islam konvertiert sei. Ein Prophet, „der alle Offenbarungen vollendet“. Das war im Juli 2007. Der 29-Jährige galt zu dieser Zeit als „islamistischer Gefährder“ und wurde überwacht. In dem Gespräch beteuerte er: „Ich führe ein ganz normales Leben wie jeder andere auch.“ Man möge ihn einfach nur in Ruhe lassen.

Zwei Monate später folgte der Zugriff.

Gelowicz flog als Teil der Sauerland-Gruppe auf, die sich nun vor Gericht verantworten muss. Ein Aufgebot von 600 Beamten überraschte die drei mutmaßlichen Terroristen bei der Sprengstofffertigung in einem Ferienhaus im sauerländischen Oberschledorn. Das Bild der Männer, die in blauen Overalls aus dem 900-Seelen-Dorf abgeführt werden, ging um die Welt. Sie stammen aus Ulm, Neunkirchen im Saarland und dem hessischen Langen. Deutschland erschrak über die Terrorpläne aus der Provinz, über die „Gotteskrieger“ aus ihrer Mitte.

Als Mitglieder der Islamischen Dschihad Union (IJU) sollen sie Anschläge auf US-Ziele in Frankfurt, München Köln, Düsseldorf, Dortmund, und Ramstein geplant haben. Laut Ermittlern des Bundeskriminalamtes hätten die Sprengsätze die Attentate von Madrid und London in den Schatten gestellt. Generalbundesanwältin Monika Harms spricht von einem „unvorstellbaren Ausmaß“.

Ab Mittwoch sitzen Gelowicz, Daniel Schneider und Adem Yilmaz auf der Anklagebank des Düsseldorfer Oberlandesgerichts. Auch Attilla Selek, der erst später festgenommen wurde, wird im Hochsicherheitstrakt hinter den Scheiben aus Sicherheitsglas Platz nehmen. Er soll die Zünder für die 12 Fässer mit insgesamt 730 Kilogramm Wasserstoffperoxid-Lösung aus Syrien beschafft haben. Die Polizei hatte die Chemikalie schon vor der Festnahme gegen eine ungefährliche Ersatzflüssigkeit ausgetauscht.

Es ist der wohl größte Terroristenprozess seit den 70er Jahren in Deutschland. Ein halbes Jahr lang haben die Fahnder die Terrorplanungen beobachtet. Die Ermittlungen füllen nun 521 Aktenordner, aneinander gereiht sind das über 40 Meter. Was sich daraus ergibt, wirkt erdrückend für die Angeklagten. Doch die mutmaßlichen Täter müssen sich nicht nur wegen der „Vorbereitung eines Sprengstoffverbrechens“ verantworten oder - wie Schneider - wegen versuchten Mordes (nachdem er bei der Festnahme einem Polizisten die Waffe entriss und schoss). Die Anklage steht auf einer zweiten Säule: der „Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung“.

Mit diesem Tatvorwurf bekommt der Prozess seine internationale Dimension. Um ihn nachzuweisen, hat sich die Bundesanwaltschaft auf die Spuren der Islamischen Dschihad Union in Usbekistan und Kasachstan begeben. In den Gefängnissen von Taschkent und Astana verhörten deutsche Beamte Häftlinge. Ein einmaliger Vorgang in der deutschen Justizgeschichte. Mit den Aussagen der Befragten will Bundesanwältin Harms beweisen, dass die Täter in Namen der Dschihad Union tätig waren. Ein Gewährsmann soll sich erinnert haben, wie Gelowicz und Yilmaz in den Bergen von Mir Ali in Pakistan an Schusswaffen ausgebildet worden sind.

Andere Erkenntnisse ergeben sich aus überlieferten Aussagen und E-Mail-Verkehr. Dieser Teil der Beweisführung im Prozess wird von der öffentlichen Debatte begleitet werden, ob die Erkenntnisse aus dem Ausland - möglicherweise unter fragwürdigen Umständen zustande gekommen -, in einem demokratischen Rechtsstaat genutzt werden können. Usbekischen Staatsbeamten etwa bescheinigt amnesty international „systematische und routinemäßige Folter“, auch in kasachischen Gefängnissen bemängeln Menschenrechtsorganisationen regelmäßig die Misshandlung von Insassen.

Dass die Anwaltschaft zu den „Früchten vom verbotenen Baum“ („Die Zeit“) greift, dürfte mit Blick auf mögliche weitere Verfahren geschehen: um mutmaßlichen Dschihad-Kämpfern wie Eric Breininger, denen bislang nichts als die Teilnahme an Terrorcamps vorzuwerfen ist, überhaupt den Prozess machen zu können.

Auf 47 Verhandlungstage ist das Mammutverfahren bislang ausgelegt. 219 Zeugen sind geladen. Beobachter vermuten, dass sich der Prozess auf zwei Jahre erstrecken wird. Dass die Angeklagten zur Beschleunigung beitragen werden, ist nicht zu erwarten. Mit Aussagen zur Tat wird vorerst nicht gerechnet, bereits am zweiten Prozesstag sind Familienmitglieder als Zeugen geladen.

Fritz Gelowicz hat dafür vor der Festnahme geredet. In dem eingangs erwähnten Interview schilderte er auch seine Vorstellungen für die deutsche Gesellschaft: „Meine Vision ist einfach Toleranz“, diktierte er dem Fragesteller in den Block. „Dass man jemanden so lange in Ruhe lässt, solange er selbst niemanden beeinträchtigt. Ich verlange nur, dass man mich so leben lässt.“



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