Von Tim Attenberger und Ann-Kristina Rönchen, 17.06.09, 13:33h, aktualisiert 17.06.09, 22:16h
Autofahrer sind genervt
Einige Meter weiter sprechen auf dem Heumarkt Mitglieder der DGB-Jugend sowie Schüler- und Studentenvertreter. Sie beklagen sich in ihren Reden über die Bildungspolitik der Landesregierung und kritisieren das Kürzen von Bildungsbudgets.
Rund 6000 Schüler, Studierende und Auszubildende haben sich auf dem Platz versammelt und skandieren immer wieder Sätze wie „Bildung für alle und zwar umsonst“ oder „Bildungsstau im ganzen Land, unsere Antwort Widerstand“.
Die Sitzblockade haben die Organisatoren nicht eingeplant, fieberhaft diskutieren sie, wie sie die Autofahrer informieren können. Schließlich kommt jemand auf die Idee, Flugzettel zum Bildungsstreik an die Wartenden zu verteilen. Polizeibeamte haben sich zwischen die Autos und die Demonstranten gestellt. Sie beobachten das Geschehen und greifen nicht ein. Ein Polizist erklärt, dass die Sitzblockade als Teil der Veranstaltung auf dem Heumarkt betrachtet wird und man erst eingreifen werde, wenn sich beide Aktionen nicht zur gleichen Zeit wieder auflösen.
Eine Frau ist aus ihrem Auto ausgestiegen und ruft: „Das bringt doch nichts, das auf dem Rücken der Bürger auszutragen, ihr müsst an den richtigen Stellen demonstrieren.“ Der 23-jährige Student Marcel stellt fest: Im Moment sind die Autofahrer zwar genervt, aber vielleicht denken sie heute Abend mal darüber nach.“
Rückblick: Gegen 10 Uhr versammeln sich Schüler am Kartäuserwall und Studenten am Albertus-Magnus-Platz. Sie ziehen zum Zülpicher Platz, um sich dort zu treffen. Am Barbarossaplatz kommt es kurz nach 11 Uhr zu einer Sitzblockade quer über die Kreuzung, der Verkehr ist für eine Viertelstunde lahmgelegt. Die Schüler skandieren: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut“ und „Wer nicht hüpft, ist Babsi Sommer“. Am Zülpicher Platz und am Rudolfplatz werden die Kreuzungen erneut blockiert. Viele Passanten bleiben stehen, einige zeigen Verständnis, andere ärgern sich. Helmut Meyer sagt: „Ich kann das schon verstehen, bei der Bildung liegt so viel im Argen.“ Auch Lehrer Nikolas Wiese steht auf der Seite der Demonstranten: „Ich fühle mich absolut solidarisch.“
Am Neumarkt stürmen einige Demonstranten zum Gebäude der Volkshochschule. Dort werden übergangsweise die Schüler des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums unterrichtet, die sich der Demo anschließen sollen. Zunächst sind die Eingangstüren verschlossen, im Gebäude werden Abiturklausuren geschrieben. Als sich die Türen schließlich doch öffnen lassen, verlassen einige Hundert das Gebäude.
Am Heumarkt kommt es zu einer ersten, kleinen Rangelei mit der Polizei. Einige Demonstranten versuchen vergeblich, eine Kette aus Polizisten zu überrennen, um quer über die Bahnstation auf den Heumarkt zu gelangen. Doch die Beamten können die Situation mit Schubsern und klaren Ansagen wieder beruhigen.
Gegen 15 Uhr, nach knapp zwei Stunden, lösen die Organisatoren die Demo auf. „Es war beeindruckend, wie viele gegen die Bildungsmissstände aufgestanden sind“, freut sich Organisator Johannes Ludwig und ist „froh, dass es friedlich abgelaufen ist.“
Friedlicher Auftakt in BonnMitten auf der Oxfordstraße sitzen tausende Schüler, Studenten und Auszubildende. Sie tragen gelbe T-Shirts mit der Aufschrift „Bundesweiter Bildungsstreik“, halten Plakate und Schilder in den Händen: „Burn Out statt Bildung“, „Lebst du noch, oder studierst du schon?“ steht darauf. Durch ein Megaphon ertönt die Parole: „Wer nicht hüpft, ist Babsi Sommer.“ Alle springen auf und hüpfen hoch und runter. „Wer nicht rennt, ist Babsi Sommer.“ Und die Jugendlichen rennen los in Richtung Bertha-von-Suttner-Platz, denn mit der Ministerin für Schule und Weiterbildung in NRW wollen sie sich nicht identifizieren. Sie rennen für ein besseres Bildungssystem. Denn genau das ist das Ziel des bundesweiten Bildungsstreiks. Die Demo in Bonn wurde gestern organisiert vom Schülerstreikkomitee / Bonner Jugendbewegung und unterstützt von vielen Organisationen und Parteien. „Wir sind hier. Wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut“, skandieren die Streikenden in Sprechchören immer wieder. Am Morgen startet der Demonstrationszug am Kaiserplatz, geht weiter über den Cityring, vorbei am Hofgarten bis zum Münsterplatz. Auch wegen des warmen Wetters kürzen die Veranstalter kurzfristig die Route: Sie verzichten darauf, über den Markt zu gehen, der geänderte Weg führt vom Hofgarten direkt zum Münsterplatz, wo später Konzerte und Abschlusskundgebungen mit den wenigen Hartnäckigen stattfinden.
Am Stadthaus machen die nach Polizeiangaben zu diesem Zeitpunkt 3000 Streikenden - der Veranstalter spricht später von 5000 - zum ersten Mal Halt und schreien ihre Forderungen in die Menge: „Ich will eine Einheitsschule, in der Schwächere von den Stärkeren lernen“, „Ich bin Azubi und arbeite 40 Stunden in der Woche für 150 Euro im Monat. Das kann nicht sein.“ Sie machen ihrem Ärger Luft: „Das solltet ihr euch mal anhören“, geht die Aufforderung in Richtung Stadthaus und Stadtwerke. Neugierig schauen Geschäftsinhaber aus ihren Läden, Passanten bleiben stehen, machen Fotos. Viele lächeln, nur wenige wirken genervt von so viel Trubel. Auch Passantin Thea Stirnberg zeigt sich verständnisvoll: „Die Schüler haben das Recht zu streiken. Mehr als 22 Schüler in einer Klasse sind heute einfach nicht zu schaffen.“
Nicht nur Schüler, Studierende und Azubis sind gekommen, auch Lehrer und Eltern unterstützen deren Forderungen. Dagmar Schruf und ihr Sohn Friedrich (11) sind dabei: „Uns betrifft vor allem G 8, also das Abitur nach zwölf Jahren. Ich finde die Verkürzung der Schulzeit nicht richtig“, erklärt sie. G 8 ist eines der brisanten Themen beim Streik, ebenso die Abschaffung der Kopfnoten und die Forderung nach einer Einheitsschule.
Die Themen der Studenten - Studiengebühren, Bachelor- und Masterstudiengänge - gehen da beinahe unter. Dennoch laufen auch Studenten für ihre Rechte mit: „Wenn wir schon Studiengebühren bezahlen, muss wenigstens Transparenz geschaffen werden. Wir wollen wissen, wofür unser Geld ausgegeben wird“, erklärt Komparatistikstudentin Susanne ihr Anliegen. Der Allgemeine Studierenden-Ausschuss (AStA), geleitet vom Ring Christlich-Demokratischer Studenten, distanzierte sich im Vorfeld von der Demo. „Ja, es gibt Schwächen in der Bildungspolitik“, stellte AStA-Chef Wolfgang Schoop fest, „die Auseinandersetzung damit ist berechtigt. Allerdings muss sie konstruktiv, demokratisch und gewaltlos sein.“ Dass dies beim gestrigen Bildungsstreik der Fall sein würde, stellte der AStA in Frage.
Die Polizei hingegen sprach von einer friedlichen Veranstaltung. Auch das befürchtete Verkehrschaos blieb aus: „Wir haben die Bonner frühzeitig informiert, deshalb konnten sie sich darauf einstellen. Die Umleitungen haben gut funktioniert“, sagte Polizeisprecher Harry Kolbe. Im Bus- und Bahnnetz kam es allerdings zu Verzögerungen.
Den Streikweg über die Oxfordstraße hatten sich die Demonstranten gegen Bedenken der Polizei gerichtlich erstritten. „Genießt jeden Schritt, den ihr hier geht“, forderte das Streikkomitee die Jugendlichen auf. Nach dem Schülerstreik 2008 war dies der zweite Bildungsstreik in Bonn innerhalb weniger Monaten, und die Veranstalter haben sich in den Kopf gesetzt: „Der Protest ist gekommen, um zu bleiben.“
Protest in Bergisch Gladbach
Auch in Bergisch Gladbach regte sich Protest. Etwa 700 Schüler versammelten sich. Dort fand im forum-Park eine zentrale Kundgebung statt, bei der sich die Schüler ihrem Ärger über große Klassen und schlechte Lernbedingungen Luft verschafften.
Bildungsstreik: „Weil man uns die Zukunft klaut“
Bundesweiter Bildungsstreik: 240.000 Demonstranten unterwegs
Bildergalerie: Bildungsstreik in Bonn
Bildergalerie: Tausende streiken in Köln
Bildergalerie: Schülerstreik in Bergisch Gladbach
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