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Ruhr.2010

Kulturhauptstadt bekämpft die Krise

Von Hartmut Wilmes, 10.08.09, 19:21h

Die Zeit wird knapp bis zum Start der von Ruhr.2010. Im ohnehin knappen Etat von 65,5 Millionen Euro fehlen immer noch vier Millionen für die Kulturhauptstadt. Geschäftsführer Fritz Pleitgen sieht darin eine "interessante Erfahrung".

Dortmunder U
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Ein Entwurf des Filmemachers Adolf Winkelmann für die Gestaltung des "Dortmunder U". Winkelmann hat noch eineinhalb Jahre Zeit, das einstige Brauereihochhaus "Dortmunder U" in Szene zu setzen. (Bild: dpa)
Dortmunder U
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Ein Entwurf des Filmemachers Adolf Winkelmann für die Gestaltung des "Dortmunder U". Winkelmann hat noch eineinhalb Jahre Zeit, das einstige Brauereihochhaus "Dortmunder U" in Szene zu setzen. (Bild: dpa)
ESSEN. „Es wird knapp“, kommentiert das Kunstmagazin „Art“ die Finanznöte der Kulturhauptstadt. Und Olaf Zimmermann (Deutscher Kulturrat) vermisst das „erotische Knistern“ fünf Monate vor dem Start von Ruhr.2010. Geschäftsführer Fritz Pleitgen räumt ein: „Das hier ist doch um einiges komplizierter als meine Aufgabe als WDR-Intendant. War mir so nicht vorausgesagt worden, ist aber eine interessante Erfahrung!“

Im ohnehin knappen Etat von 65,5 Millionen Euro fehlen immer noch vier Millionen. Dabei hatte Essen seinerzeit Köln und Münster nicht zuletzt aufgrund der Geldzusagen seiner Großkonzerne geschlagen. „Auf dem Scheitelpunkt der Wirtschaftskrise werden viele unserer Berechnungen über den Haufen geworfen. Besonders schwer ist es mir gefallen, die Eröffnung auf Schalke abzusagen", erklärt Pleitgen. Doch eine stargespickte Gala war schlicht unbezahlbar.

Auch „Die Welt der Religionen“ im Gasometer Oberhausen entfällt. Ebenfalls stark gefährdet: „Die zweite Stadt“, nunmehr umgetauft in „Zollverein unter Tage“. Unwahrscheinlich, dass die Besucher der Zeche per Aufzug in 1000 Meter Tiefe fahren, um in den Stollen etwa Lichtkunst von Olafur Eliasson zu begegnen. Da die RAG das Abpumpen des Grubenwassers nur noch für fünf Jahre garantiert und das Land für so kurze Zeit keine Zuschüsse gibt, fällt das Projekt wohl ins Wasser.

Fühlt sich Pleitgen als Krisenmanager? „Bis jetzt noch nicht, aber es hat manchmal schon krisenhafte Züge.“ So bedauert er fast, „dass ich kein Tagebuch geführt habe. Das wäre mit all den Negativ- und Positivmeldungen, die hier an einem Tag eintreffen, mit den komischen und den weniger lustigen Erfahrungen ein unterhaltsames Buch geworden“. So hat sich der Himmel für die „Schachtzeichen“ wieder aufgehellt, die gelbe Heliumballons an den Eingängen von 400 Bergwerken setzen sollen. Pleitgen: „Es gehörte zu den gefährdeten Projekten, aber es stabilisiert sich von Tag zu Tag.“ Zudem seien für „Die große Tafel“, ein Kulturfest auf der dafür gesperrten A40, zwei Sponsorzusagen eingegangen. Trotz aller Sorgen „steht das Grundprogramm für Ruhr.2010“.

Gewährleistet seien vor allem die nachhaltigen Projekte (siehe „Was bleibt“). Allerdings: „Auf dünnem Eis gehen wir noch bei den aufwändigen Einzel-Ereignissen.“ Ohnehin liegt der über vier Jahre verteilte Etat gerade auf dem Niveau von Österreichs Kulturhauptstadt Linz (190 000 Einwohner). Das ist knapp für einen Ballungsraum mit 5,3 Millionen Menschen in 53 Städten. So blickt man wehmütig in die assoziierte Kulturhauptstadt Istanbul. „Dort gibt der Staat fast das gesamte Geld, in diesem Jahr 200 Millionen Euro, von denen 60 Prozent an Infrastruktur-Aufgaben wie die Restaurierung der Hagia Sophia gebunden sind“, erklärt Pleitgen. Aber selbst den Rest hätte man an der Ruhr für ein Jahr ganz gern... Zudem ist Istanbul eine starke Tourismus-Konkurrenz.

Die provokante Frage, ob Ruhr.2010 womöglich eher regionale Strahlkraft haben könnte, wischt Pleitgen dennoch energisch beiseite: „Schon zur bundesweit im ZDF übertragenen Eröffnung (9. Januar) auf Zollverein kommt der Bundespräsident, zugleich wird dort das neue Ruhr-Museum eröffnet.“ Auch zu den Neueröffnungen von Küppersmühle und Folkwang gibt es spektakuläre Ausstellungen, dazu den „Day of Song“, die „Odyssee Europa“ durch sechs Stadttheater, das Gesamtwerk von Hans Werner Henze, Mahlers „Achte“ mit 1500 Mitwirkenden in der Kraftzentrale eines früheren Hüttenwerks in Duisburg, sowie Kooperation mit Ruhrtriennale, -festspielen und Theater der Welt.

Geballte Hochkultur also, „doch wir sind andererseits nicht die Salzburger Festspiele“. Zwar werde die Netrebko kommen, aber wichtiger seien Projekte mit Modellcharakter. „Etwa Emscher-Kunst, wo eine von Menschen zerstörte Landschaft von Menschen wieder lebenswert gemacht wird.“

Was Lokal-Egoismen betrifft, habe sich „der Geist schon geändert“. Nicht zuletzt dank des Projekts „Local Heroes“, das jede beteiligte Revier-Stadt für eine Woche zur Kulturhauptstadt macht. Auch auswärts soll das veraltete Image der Malocher-Region ausradiert werden, „doch unsere Mittel für Marketing sind äußerst begrenzt“.

Schwacher Trost: An Kulturhauptstädten, die vor allem Event-Feuerwerke abbrannten, orientiert man sich ohnehin nicht. Die Vorbilder der Organisatoren um Pleitgen und Oliver Scheytt sind eher Glasgow und Lille, „wo sich durch die Kulturhauptstadt Entscheidendes verändert hat". Bis Ende 2010 wird Pleitgen mit Vorträgen, Interviews und Buchbeiträgen für Essen und das Revier werben, andererseits aber auch mit Fragen von Sicherheit, Protokoll, Urheberrecht und vielem mehr konfrontiert. „Bei ,Schachtzeichen' etwa reicht es nicht, die Ballons zu platzieren, die müssen gesichert werden.“

Dem 71-Jährigen ist klar: „Da bin ich noch einmal richtig gefordert. Aber dass es schwierig wird, passt ja irgendwie zum Ruhrgebiet, das es trotz aller Nöte stets geschafft hat.“



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