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Mehr als „nur“ Bilder an der Wand

Von VERA JUNKER, 04.09.09, 07:00h

Bilder nur an der Wand sind langweilig Weltpremiere in Simonskall - Maf Räderscheidt lässt Ausstellung von „Twitter“-Usern zusammenstellen Was haben wohl ein...

Was haben wohl ein „Moormädchen“, die „Schaukel um den weiten Blick“ oder ein „Regenspaziergang“ mit einem der neuesten Trends zu tun? Es sind Kunstwerke, und sie sind allesamt bei „Twitter“, einem der momentan beliebtesten sozialen Netzwerke im Internet, zu bestaunen. Das Portal zum „Zwitschern“ bietet nicht nur viele kurze, oft gehaltlose Tätigkeitsbeschreibungen, sondern auch Kultur. Die Künstlerin Martha Angelika Felicitas (kurz Maf) Räderscheidt aus Schleiden, die selbst von sich sagt, sie sei äußerst altmodisch, nutzt das weltweite Portal für ihre Kunst.

„Seit März habe ich jeden Abend, meist gegen halb acht, ein selbst gezeichnetes Aquarell ins Netz gestellt“, erzählt Räderscheidt. Die Bilder mit Titeln wie „Moormädchen“ oder „Regenspaziergang“ sollen aber nicht, wie durchaus zu erwarten wäre, über das Internet verkauft werden.

Es versteckt sich eine pfiffige Idee hinter den Kunstwerken. „Die Nutzer von ,Twitter konnten, wenn sie meine Seite besuchten, darüber abstimmen, welches Bild ihnen besonders gefällt und in der Ausstellung gezeigt werden soll. Es geht dabei nicht um mich oder Geld“, erklärt die Künstlerin ihre Idee und fährt fort: „Indem die Bilder nur an die Wand gehängt werden, begeistert man die Menschen nicht mehr. ,Twitter hingegen vernetzt die ganze Welt und bietet viele ungeahnte Möglichkeiten.“

Und die täglichen Bilder Räderscheidts wurden in der Tat aus den unterschiedlichsten Erdteilen verfolgt. „Es haben beispielsweise Leute von den Philippinen, aus Brasilien, Martinique oder Kanada schon über die Bilder abgestimmt“, erzählt Stephan Everling . Der Mann von Maf Räderscheidt ist sicher: „Die globale Kunstszene profitiert von der Vernetzung durch das Internet.“

Spannende und überraschende Dinge entwickeln sich ganz schnell: „Ein Musiker aus Großbritannien fragte mich über das Internet, ob ich nicht mal ein Strichmännchen malen könnte. Ihm hat es so gut gefallen, das es nun auf seinem CD-Cover zu finden ist. Für mich hat er dann zum Geburtstag ein eigenes Lied geschrieben. Solche unkomplizierten Kontakte sind einfach faszinierend.“ Doch hinter dem Projekt Maf Räderscheidts verbirgt sich noch mehr, als dass die Bilder nur in einem neuartigen Netzwerk erscheinen und User eine Ausstellung zusammenstellen. Sie malte ihre kleinen Kunstwerke immer unter dem Motto „A Picture a Day keeps the doctor away“ und kommentiert dabei die Ereignisse des Tages. „Einmischen, authentisch und ehrlich sein, darum geht es mir“, sagt die Künstlerin.

„Die Bilder sollen Mut machen, ob den Menschen in China oder den Arbeitslosen. ,Twitter, das Medium für die, die keine Stimme haben, ist dazu ideal.“ Den neuen Weg geht die Künstlerin dabei ganz bewusst: „Die Kunstszene liegt doch am Boden, man muss auch neue Dinge wagen. Bei ,Twitter hab ich außerdem meine eigene Freiheit, ich werde nicht in eine Schublade gezwängt, die jeder Künstler nun einmal hat.“

Inzwischen haben die Twitter-Nutzer abgestimmt. Abgestimmt darüber, welche Bilder Räderscheidts nicht nur im Internet, sondern in einer Ausstellung zu sehen sein sollen. Diese Ausstellung wird am 12. September im Junkerhaus in Simonskall eröffnet. Auch die Wahl dieses Ausstellungsortes hat Maf Räderscheidt nicht zufällig getroffen: „Es ist kein großes Museum, aber ein besonderer, ein historischer Ort, der nicht vergessen werden sollte.“ Nach dem Ersten Weltkrieg trafen sich in Simonskall Künstler, die nach der globalen Katastrophe ein neues Menschenbild schaffen wollten. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Hürtgenwald allerdings Schauplatz einer weiteren Katastrophe. Die künstlerische Auseinandersetzung mit neuen Medien wie dem Internet sieht Räderschädt als eine Fortsetzung des damaligen Ansatzes der Künstler an.

Nun möchte Maf Räderscheidt die neuen Entwicklungen, die vielleicht auch - so ihre Hoffnung - in einem veränderten Menschenbild enden werden, in Simonskall präsentieren. „Wir sollten die Vergangenheit nicht verdrängen, sondern sie annehmen“, fügt sie hinzu. Die Ausstellung in Simonskall wird in jedem Fall eine Weltpremiere - die ausgestellten Werke wurden im Internet kuratiert: „Es macht Spaß, in dieser Art und Weise Kunst zu machen. Ich hoffe, die User hatten diesen Spaß auch, aber das Feedback ist positiv. Ich möchte mit der Kunst nicht jammern, sondern dokumentieren und Mut machen.“

 www.maf-art.com



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