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Vom Hundepaddeln zum Seepferdchen

Von CORDULA ORPHAL, 04.09.09, 10:35h

Benjamin stapft mit Riesenschritten zum Beckenrand. „Jetzt geht's weiter“, sagt der große kräftige 15-Jährige. Und lächelt: „Vielleicht mache ich heute das...

TROISDORF. Benjamin stapft mit Riesenschritten zum Beckenrand. „Jetzt gehts weiter“, sagt der große kräftige 15-Jährige. Und lächelt: „Vielleicht mache ich heute das Seepferdchen.“ Welche Wende: Zwischen panischem Hundepaddeln, der Angst, den Boden unter den Füßen zu verlieren, und der mutigen Entschlossenheit liegt eine Viertelstunde. 15 Minuten, in denen Birgit Langel dem Jungen mit der geistigen Behinderung zuredet, ihn lobt, ausdauernd wiederholt: „Po hoch, lange Arme, große Kreise mit den Beinen!“ Und auf seine Frage: „Aber wir gehen doch nicht ins Tiefe?“ ganz ruhig antwortet: „Nein, wir schwimmen ins Tiefe“. Die Trainerin rückwärts, Auge in Auge mit ihrem Schützling.

Und jetzt die erste Bahn ganz ohne Schaumstoffschlange, Schwimmbrett, Luftsäckchen. Benjamins großer Tag nach einigen Monaten Übung bewegt das Team am Beckenrand des Aggua, viele ganz junge Schwimmtrainer - und mittendrin Birgit Langel, 46, Schwimmlehrerin seit 30 Jahren. Vor neun Jahren wagte sie den Sprung ins kalte Wasser, als eine befreundete Mutter sie fragte, ob es nicht möglich sei, ihrem Sohn das Schwimmen beizubringen. Mit Paul, dem Neunjährigen mit dem Down Syndrom, begann 2000 ein Projekt bei dem Troisdorfer SV „Wasserfreunde Blau-Weiß“, das weite Kreise zog und jetzt ganz oben auf dem Treppchen beim Wettbewerb „Sterne des Sports“ landete.

Ken ist klein für einen Neunjährigen, mager, blass. Er springt vom Startblock, versucht Arme und Beine zu koordinieren. „In den üblichen Schwimmkursen würde mein Sohn untergehen“, sagt Andrea Hüttig. Er schaffte das Seepferdchen trotz seiner Herzschwäche und motorischen Beeinträchtigungen - in zehn Monaten. Nun soll Ken noch sicherer werden im Wasser. Damit die Gefahr sinkt zu ertrinken.

Brauchen die Anfänger mit Handicap doppelt, dreimal oder zehnmal so lange, um Schwimmen zu lernen? „So rechnen wir eigentlich nicht“, sagt Birgit Langel. „Wir freuen uns über jeden Fortschritt.“ Kinder mit Epilepsie, Wahrnehmungs- oder Konzentrationsstörungen, Kinder mit sozialen Defiziten, die sich nicht einordnen, aus der Reihe schwimmen, abtauchen - eine Gruppe voller Individuen, die immer wieder angeschaut und angesprochen, ermahnt und motiviert werden müssen, jeder ganz persönlich. „Wir reden uns den Mund fusselig“, beschreibt es Birgit Langel, selbst dreifache Mutter, lachend. So viel Energie wirkt ansteckend: Zwei ihrer Söhne stehen mittlerweile auch am Beckenrand, bei der Fördergruppe wie bei den „normalen“ Leistungsschwimmern.

„Wir sind hier hineingewachsen“, beschreibt Laura Rossius, 18. Mit geistig behinderten Kindern zu arbeiten, das sei anfangs befremdlich gewesen, erzählt die Schülerin, dann sehr anstrengend. „Sie hören oft nicht und machen , was sie wollen.“ Aber es gebe so viele schöne, beglückende Momente. Laura: „Diese Herzlichkeit, dieser Überschwang!“ Da wird der Trainer umarmt, auch geküsst, schildert Martin Bublitz, 29, Bauingenieur, der sich deutlich an die ersten Züge des kleinen Paul erinnert. Die Integration betrifft beide Seiten. Birgit Langel hat es in der Bewerbung für den Wettbewerb „Sterne des Sports“ zu Herzen gehend beschrieben: „Die Kinder können nicht nur von uns etwas lernen, sondern wir auch von ihnen.“

Wie viele bei den Wasserfreunden schwimmen lernten, das vermag die Vorsitzende nicht aus dem Stegreif zu beziffern. Eine ganze Reihe bleibt aber dabei, wie die geistig behinderte Zwölfjährige, die fünf Jahre nach ihren ersten, mühsamen Versuchen, sich über Wasser zu halten, sogar die technisch anspruchsvolle Rückenlage beherrscht. Der 19-jährige Philipp pflügt derweil kraftvoll durchs Wasser, das Ziel Vereinsmeisterschaften vor Augen: „Und wenn ich gewinne, dann spielen die Höhner.“

Die Wasserfreunde bewerben ihr besonders Angebot nicht, allein die Mund-zu-Mund-Propaganda wirkt. Die Preisverleihung erfüllt Langel denn auch mit gemischten Gefühlen: „Ich habe etwas Angst vor dem Ansturm.“ Der Verein brauche jetzt schon dringend mehr Hallenzeiten. „Wir könnten ein eigenes Schwimmbad füllen.“



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