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Interview mit Steve Blame

„Ich denke, ich bin ziemlich eingedeutscht”

Erstellt 02.10.09, 20:28h, aktualisiert 05.10.09, 10:48h

Für unser Rundschau-Gespräch hat Bernd Imgrund sich diesmal von Steve Blame erzählen lassen, wie es sich als Engländer in Köln lebt.

Auf den Biergarten am Eifelplatz scheint die Sonne. Steve Blame, die MTV-Legende, wirkt ein wenig beleibter als zu den alten Zeiten. Höchsten Wiedererkennungswert garantiert jedoch noch immer seine Stimme, jener sanfte und doch sonore Schmelz, mit dem er Nachrichten aus der Popwelt verbreitete.

Sind Sie noch manchmal in Ihrem Geburtsort Chelmsford?

Ich war gerade da! Meine Mutter lebt dort, sie ist 85. Alle vier Wochen fahre ich zu ihr, bleibe eine Woche und koche 30 Essen für sie, die sie dann einfrieren kann. Aber sonst habe ich keine Verbindung mehr zu Chelmsford. Charles Dickens hat mal geschrieben, Chelmsford sei eine Stadt, durch die man am besten nur hindurchfährt. Und das stimmt auch.

Wie hat man sich diese Gegend in den 1960er, 70er Jahren vorzustellen?

Ich habe in einem Dorf außerhalb von Chelmsford gewohnt. 50 Einwohner, und es gab mit mir nur vier Kinder. Ich hatte sehr früh das Gefühl, dass ich nicht dort hingehöre. Es gab da eine Fernsehsendung, The Old Great Whistle Test. Da hörte man die aktuelle Musik, und das war wie eine Verbindung zu einer anderen Welt.

Eine frühe Faszination für Popkultur?

Ja, absolut! Für mein erstes Konzert bin ich dann nach London gefahren. Da habe ich David Bowie auf seiner Ziggy-Stardust-Tournee erlebt. Bowies Androgynität und die Menschen im Publikum - Menschen und Stile, die ich in meinem Dorf noch nie gesehen hatte -, das war eine unglaubliche Erfahrung.

Sie leben seit mittlerweile 15 Jahren in Deutschland. Lesen Sie noch englische Zeitungen?

Im Netz lese ich hin und wieder den Guardian und den Klatsch und Tratsch aus der Sun. Aber eigentlich habe ich kaum noch Verbindungen zum englischen Alltag. Ich kenne zum Beispiel gar keine neuen Stars oder so etwas.

Sie gehen also nicht täglich in den English Shop an der Schildergasse und holen sich original britisches Teegebäck?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe auch keine englischen Freunde in Köln. Warum auch? Nur weil jemand Engländer ist, steht der mir ja nicht näher als irgendwer sonst. Ich denke, ich bin ziemlich eingedeutscht.

Warum sind Sie nach Ihrer Zeit beim Musikfernsehen in Köln hängen geblieben?

Viva 2 habe ich im Streit mit Dieter Gorny verlassen. Erst danach ist mir klar geworden, dass ich dort eigentlich gar nicht mehr hingehörte, ich war raus aus der Jugendkultur.

Sie waren 37, für einen Musiksender also steinalt.

Ja, genau. Jener Streit war im Nachhinein gut für mich, weil er mich gezwungen hat, meinem Leben eine neue Richtung zu geben.

Sie sind danach ziemlich heftig abgestürzt.

Ich war ziellos und sehr unglücklich damals, das war eine schwere Zeit. Ich glaube, ich bin letztlich nicht nach Deutschland gekommen, um Viva 2 aufzubauen, sondern weil ich eigentlich mich selbst neu aufbauen musste.

Eignet sich Köln für solch einen Wiederaufbau?

Köln ist so gemütlich! Und wenn ich von Reisen zurückkomme und den Dom sehe, geht mir das Herz auf. Also, in der Hinsicht bin ich inzwischen ein richtiger Kölner. Ich bin hier zu Hause, und das ist ein Gefühl, das ich in England nicht habe.

Haben Sie hier einen Lieblingsort?

Das Belgische Viertel! Ich habe immer dort gewohnt, und weiter als vielleicht 500 Meter bewege ich mich normalerweise nicht von meiner Wohnung weg.

Ein echter kölscher Veedels-Mensch!

Ja, das stimmt. Ich wollte mal mit einem Freund irgendwo anders essen gehen. Nach einer Stunde Kurverei sind wir in der Südstadt gelandet - wir wussten einfach nicht, wo man außerhalb des Belgischen Viertels hingehen kann. Ich habe das dann auch nie wieder versucht. (lacht)

Die Anmerkung „lacht“ könnte man im Grunde hinter fast jeden von Steve Blames Sätzen schreiben. So sonnig wie der Eifelplatz an diesem Mittag wirkt auch sein Gemüt. Vielleicht ist auch eine gewisse Unsicherheit mit im Spiel, schließlich saß er die meiste Zeit seines Lebens auf der anderen Seite vom Mikrofon.

Das Belgische Viertel ist in den letzten 15 Jahren explodiert.

Ja, vor allem der Brüsseler Platz, da ist jeden Abend Party.

Muss man da nicht einmal die Woche nach Kalk flüchten, um mal wieder andere Menschen als Künstler und Medienschaffende zu sehen?

Eigentlich schon. Aber ist Köln nicht so eine Stadt, in der alle am liebsten immer in ihren Vierteln bleiben?

Nutzen Sie die ausgeprägte Kneipenszene des Belgischen Viertels?

Ich war nie ein Kneipentyp, und heute gehe ich mit Freunden eher mal auf einen Kaffee raus. Ich bin total langweilig geworden. (lacht)

Sagen wir lieber: entspannt. Schon Ihre Interviews früher bei MTV hatten stets etwas sehr Relaxtes.

Ja, Freunde von mir nannten mich den Valium-Mann.

Wer früher MTV gesehen hat, erinnert sich an Steve Blames typische Floskeln. Er begann seine Nachrichtensendungen immer mit dem gleichen Begrüßungssatz: „Hi, Steve Blame here with MTV News.“ Und auch die Abmoderation war ein standardisiertes Erkennungsmerkmal: „I see you soon, and have a good one.“

Während Ihrer Interviews mit Abba, Madonna oder Zappa lag immer ein Grinsen auf Ihrem Gesicht. War das Absicht?

Die haben mich im Studio immer aufgefordert, diese Sachen nicht so ironisch vorzulesen. Aber ich habe das gar nicht gemerkt. Für mich lag das daran, dass mir dieser ganze Quatsch eigentlich vollkommen egal war. Aber natürlich hat es mir auch Spaß gemacht.

Was war der spaßige Aspekt?

Wenn ein Popstar ein Interview gibt, dann ist man einer von vielleicht zwölf Journalisten pro Tag, und jeder hat eine halbe Stunde. Der Star hört immer die gleichen, grottenlangweiligen Fragen, aber als Interviewer muss man natürlich trotzdem über das neue Album reden. Das bedeutet, man hat höchstens zehn Minuten, in denen man in andere Bereiche kommt. Das war für mich immer die spannende Phase von solchen Interviews.

Sie haben ja auch mal selbst gesungen. Stimmt es eigentlich, dass Sie einen Nummer-1-Hit in Bulgarien hatten?

Ja, das war 1992. Da hatte ich ein Lied namens „Give me your love“ geschrieben. Die Plattenfirma BMG hatte mich gefragt, ob ich eine Single machen möchte, und ich habe denen geantwortet, dass ich überhaupt nicht singen kann. Ist egal, meinten die, aber im Studio war das dann doch ein Problem. Also, was dabei herauskam, war ein Remix, und meine Stimme war sozusagen auch remixt, ich war auf der Platte praktisch gar nicht zu hören. Das wurde dann tatsächlich eine Nummer 7 in Finnland und Nummer 1 in Bulgarien.

Da haben Sie in Sofia wahrscheinlich locker 13 Einheiten verkauft.

Eher weniger. (lacht)



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