Erstellt 04.10.09, 22:10h
Obwohl die FDJ in der Universität keine Legitimität hatte: Man kannte nur dieses System und konnte sich eben auch nichts anderes vorstellen. Man wurde ja in der Regel schon im Alter von 14 Jahren in die FDJ hineingedrängt. Das war keine freie Entscheidung, sondern ein Automatismus.
Im September, Oktober 1989 wurde aber langsam etwas anderes vorstellbar.
Die beiden zentralen Plätze, auf denen die Demonstrationen in Leipzig stattfanden, lagen direkt vor der Universität. Dort fand sozusagen der Zusammenbruch vor unseren Augen statt. Also haben wir uns gefragt, was wir innerhalb der Universität machen können. Dass wir einen Studentenrat gegründet haben, hing damit zusammen, dass sich überall Räte bildeten: Soldatenräte, Arbeiterräte und so weiter.
Direkt vor dem Fenster der Rausch des Aufbruchs, und drinnen das nüchterne Nachdenken über neue Gremien?
Es war schon sehr emotional, auch in der Universität. Aber es gab auch viel zu organisieren. Man musste sich ja kennen, man konnte ja damals keine Wandzeitung aushängen.
Wie groß war die Angst vor Repressalien?
Was wir gemacht haben, war natürlich eine ungesetzliche Aktivität in der DDR. Eine eigene Studentenvertretung zu bilden, das war nicht vorgesehen, wie auch keine offene Diskussion vorgesehen war. Wir hatten den Fall eines Studenten der Zahnmedizin vor Augen, der im September 89 exmatrikuliert werden sollte, weil er den Gründungsaufruf des Neuen Forums unterzeichnet hatte. Als es dagegen in der Fakultät Widerstand gab, sollte er einfach durch die Prüfung in Marxismus / Leninismus fallen, die jeder Student in der DDR ablegen musste. Aber es gab einen Professor, der ihn die Prüfung hat bestehen lassen. Hätte es diesen Professor, der als Sonderfall bekannt war, nicht gegeben, wäre der Student vom Studium ausgeschlossen worden.
Der Studentenrat hatte seine Gründungsversammlung am 9. November. Wie war die Reaktion, als Sie im Verlauf der Sitzung vom Mauerfall hörten?
Da kam einer rein und rief „Die Mauer ist offen“. Die Reaktion war: Aha, schöner Witz, man hört ja viel in diesen Tagen. Wir haben weitergemacht. Aber der Grund dafür war nicht nur Ungläubigkeit. Denn wir hatten erfahren, dass die örtliche SED-Parteileitung am nächsten Tag in der Leipziger Volkszeitung einen Aufruf zu einer eigenen Demonstration veröffentlichen lassen wollte. Und wir wussten, wenn diese Demonstration parallel zu den Protesten der anderen Seite stattfände, dann käme es zur offenen Konfrontation. Es wurden hektische Telefonate geführt, mit der Druckerei, mit politisch Verantwortlichen, um den Aufruf zu verhindern, und am Ende zog die Versammlung zum Rathaus. Der Oberbürgermeister - damals tagten immer alle bis in die Nacht - sollte genötigt werden, im Interesse der Stadt diesen Aufruf zu verhindern. Das alles war uns in dem Augenblick viel, viel wichtiger als irgendetwas, was in Berlin passiert.
Kam dann später doch Euphorie auf?
Die ersten Wochen nach dem Mauerfall waren eher von der Befürchtung geprägt, dass wieder sozusagen ein geordnetes Grenzregime eingeführt wird, sobald alle drüben sind, die Ärger machen. Wir haben uns ja auch immer noch nicht vorstellen können, dass die Sowjetunion das alles toleriert. Und selbst wenn die Mauer offen bleiben sollte, hat man damals nicht geglaubt, dass dies jetzt der Weg zu einem einheitlichen deutschen Staat sein könnte. Als Hans Modrow im Dezember oder Januar seinen Plan zur Wiedervereinigung vorlegte, da hieß es, hat der jetzt einen Knall, wie kann der das über unsere Köpfe hinweg machen - aber natürlich wusste der viel mehr über die Überlebensfähigkeit des Landes. . .
Sie haben in dieser Zeit recht wenig studiert.
Ich war ständig unterwegs. Überall gründeten sich neue Organisationen. Es war faszinierend, was sich da Bahn brach. Und die Montagsdemonstrationen, die Friedensgebete wurden ja mit jeder Woche interessanter. Das war viel zu aufregend, als dass man da nicht hätte teilnehmen können.
Sie wurden sehr schnell ein Wortführer der Studenten - auch, weil Sie machttaktisch geschickt waren.
Damals war der akademische Senat das höchste Organ der Universität. Unser Vorteil war, dass Rektor und Professoren erst mal lernen mussten, sich zu verteidigen - und darin waren sie nicht besonders schnell.
Sie waren schneller.
Mir half ein Buch, das mir jemand aus einem westdeutschen Asta in die Hand gedrückt hatte. Das hieß „Wie manipuliere ich meinen Verein“. Da stand unter anderem drin, dass man sich immer gegenüber vom Präsidium hinsetzen sollte, weil man da eine Art Gegenpräsidium bildet und Wortmeldungen immer sofort wahrgenommen werden. Also bin ich schon immer eine halbe Stunde vor der Sitzung gekommen, und nach ein paar Sitzungen blieb der Platz von ganz allein für mich frei. Wobei ich natürlich niemanden manipulieren, sondern die Schwäche der studentischen Position ausgleichen wollte.
In einer westdeutschen Uni hätte der Rektor das womöglich durchschaut und bald einen Getreuen schon eine ganze Stunde vorher dorthin gesetzt.
(lacht) Unsere Gegenspieler hielten es eben gar nicht für nötig, sich darüber Gedanken zu machen.
War das eine aus Selbstgewissheit genährte Langsamkeit, die nicht nur für die Uni galt, sondern auch für die staatlichen Autoritäten - etwa die Stasi, die lange glaubte, die Proteste ersticken zu können?
Ach, es war wohl eher die Prägung durch eine ziemlich autoritäre Gesellschaft. Es wurde immer noch ständig ex cathedra gesprochen - während gleichzeitig alle Altäre des alten Regimes bröckelten.
Heute heißt es im Westen oft, die im Osten wären nicht dankbar genug für das, was sie gewonnen haben. Können Sie das verstehen?
Das ist schon nachvollziehbar aus westlicher Sicht. Zwei Dinge werden dabei allerdings vergessen: Erstens haben die Menschen im Osten die Freiheit nicht vom Westen geschenkt bekommen, sondern sie sich genommen. Zweitens: Im Westen wird immer die DDR mit dem vereinigten Deutschland verglichen. Dazwischen lagen aber 14 Monate, in denen den Ostdeutschen alles offen stand, in denen alles möglich schien. Die Gesetze der DDR galten nicht mehr, die Gesetze der Bundesrepublik galten noch nicht. Es gab immer das Gefühl: Wir können jetzt die Dinge in die Hand nehmen. Diese Zeit ist Ostdeutschen so präsent, dass sie sich an alle möglichen Details erinnern. Deshalb überlagert sie in der Erinnerung andere Zeiträume total. Was später kam, wird nicht mit der DDR verglichen, sondern mit der Freiheit dieses Zeitraums, die zumindest in der eigenen Erinnerung noch viel größer war als die, die man heute hat.
Hintergrund: Zur Person Pasternack
Hintergrund Herbst 1989: Eskalation drohte bei Massendemonstration
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22. April 2012,
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