Von Annette Schroeder, 16.10.09, 19:35h
So ist die beeindruckende Ausstellung betitelt, die sich das Museum für Ostasiatische Kunst (MOK) zum 100-jährigen Gründungsjubiläum selbst schenkt. Und damit Neuland betritt, wie es sich für ein Institut gehört, das sich auch als vorwärtsgewandte Stätte der Forschung versteht. Erstmals sind die monumentalen Steinabreibungen, die der Ostasien-Experte Lothar Ledderose mit seinem Team kürzlich von den Bergen Yi, Tie und Gang in der Provinz Shandong abnahm, überhaupt in Europa zu sehen. Im Zusammenspiel mit Steinskulpturen lassen sie etwas vom Geist ahnen, der die Buddhisten im Herrschaftsgebiet der Nördlichen Qui-Dynastie bewegte.
Kriege und gesellschaftliche Wirren prägten diese Epoche; kein Wunder, dass die Menschen in Endzeitstimmung waren. Was lag näher, als die heiligen Schriften in einem Material zu verewigen, das nahezu unverwüstlich war - und sich nebenbei noch religiöse Verdienste zu erwerben?
Von den riesigen Dimensionen dieses Unternehmens gibt die Schau eine Kostprobe. Bis zu 17 Meter lang zieht sich eine Papierbahn durch den Raum; doch ist dies nur ein Ausschnitt aus der kolossalen Stele des Berges Tie. In sie ist ein Auszug aus dem „Großen Kompilationssutra“ eingemeißelt, das den Weg zur Erleuchtung nachzeichnet - eine praxisbezogene Anweisung zur Überwindung von Samsara (dem Kreislauf der Wiedergeburten), die sich sehr anschaulich auch per Computeranimation nachvollziehen lässt. So kann man auch den Berg Gang ersteigen, in dessen Hain „tausende“ „wundervolle“ „Klänge“ zu hören sein sollen - auf kleinere und größere Felsbrocken sind die einzelnen Wörter und Textabschnitte verteilt. Wer also den ganzen Sinn erfassen will, muss bis ganz oben zum Schlussstein pilgern. Geradlinig, fast ungeschlacht wirken die Schriftzeichen zu dieser Gehmeditation, auf denen den Pilgern als Ansporn das entrückte Lächeln des Erwachten vorgeschwebt haben mag. Auf dem Gesicht eines breiten, geradezu sinnlichen Stein-Buddhakopfes ist es auch im Museum zu bewundern.
Nicht für die Ewigkeit, sondern für den flüchtigen Moment waren jene Kunstwerke gedacht, die den zweiten Teil der Jubiläumsschau bestreiten: Surimono, wörtlich „gedruckte Dinge“, fertigten die Künstler in Japan seit dem späten 18. Jahrhundert fürs Privatvergnügen unter Freunden an: kleinformatige Farbholzschnitte, oft als Glückwunschblätter zu Neujahr oder privaten Feiern überreicht. Erst mit den Dichterzirkeln etablierte sich dieses Genre. Die Poeten nämlich beauftragten bekannte Holzschnittkünstler, ihre Werke bildnerisch zu interpretieren.
Das subtile und oft humoristische Zusammenspiel von Text und Bild erschließt sich dem Publikum nicht ohne weiteres. Dennoch zieht die aufwendige Drucktechnik, das üppige Dekor und die oft expressive Figurengestaltung die Besucher in den Bann. Den Experten fasziniert überdies die geringe Druckauflage und der gute Erhaltungszustand der Blätter. Der Schweizer Künstler und Japan-Kenner Marino Lusy (1880-1954) hat diese kleinformatigen Meisterwerke gesammelt, die jetzt das Museum Rietberg beherbergt. 120 Exponate konnte MOK-Direktorin Adele Schlombs entleihen. Sie geben Einblick in eine verfeinerte Literatenkultur, in der Eleganz und Ironie triumphierten.
Tusche, Reibstein, Pinsel und Papier, die „Vier Kostbarkeiten des Gelehrtenstudios“, werden in Vitrinen gezeigt. Drumherum entfaltet sich der japanische Mikrokosmos mit eleganten Geishas, grimmigen, muskelbepackten Action-Helden, und den Glücksgöttern - die gern in Verkleidung auftreten. Die Pflaumenblüte segelt als Glückssymbol zum neuen Jahr durch manches Blatt, der Kranich wünscht ein langes Leben. Und der Büffel, in dessen Zeichen auch das Jahr 2009 steht, gilt als Sinnbild für Zähigkeit und Sturheit - „diese Qualitäten brauchen wir auch im Museum“, meint Schlombs lakonisch angesichts der Haushaltsprobleme: Die für 2010 geplante große Bhutan-Schau ist immer noch nicht ausfinanziert. Gut, dass es Mäzene gibt, die das Haus generös bedenken, wie eine Auswahl von neuerworbenen Skulpturen und Bildern zeigt.
Universitätsstr. 100. Bis 10. Januar 2010. Di bis So 11-17 Uhr. Jeden 1. Do im Monat bis 22 Uhr.
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22. April 2012,
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