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Abrechnung mit Lifestyle-Ökos

Kampf der „Bionade-Bourgeoisie“

Von Gregor Tholl, 28.10.09, 12:07h, aktualisiert 28.10.09, 12:09h

Sie leben in sanierten Altbauten, schieben ihren Nachwuchs in Trend-Kinderwägen vor sich her und kaufen Bio. Autorin Kathrin Hartmannrechnet in ihrem zornigen Buch „Ende der Märchenstunde“ mit selbstgefälligen Lifestyle-Ökos und der „Bionade-Bourgeoisie“ ab.

Bionade
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Bionade als Lifestyle-Indikator? (Bild: dpa)
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Bionade als Lifestyle-Indikator? (Bild: dpa)
Macht ein „Bio“-Einkauf die Welt besser? Lässt sich die Industrie mit strategischem Konsum umerziehen, so dass sie nur noch umweltverträglich und unter sozialen Bedingungen produziert? Geht das alles schmerzfrei, ohne Verzicht, wie es moderne Ökos propagieren? Nein, alles Unsinn und Selbstbetrug, sagt Kathrin Hartmann. Die Autorin rechnet in ihrem zornigen Buch „Ende der Märchenstunde“ mit selbstgefälligen Lifestyle-Ökos und der „Bionade-Bourgeoisie“ ab.

Die Journalistin (u. a. Frankfurter Rundschau, Titanic, taz) hat was gegen „LOHAS“: Leute - oft aus der Mittelschicht-, die einen „Lifestyle Of Health And Sustainability“ (Lebensstil auf Basis von Gesundheit und Nachhaltigkeit) pflegen.

Sie sind gebildet, gut verdienend, ästhetisch anspruchsvoll und leben gerne in innenstadtnahen Altbauvierteln wie Schanzenviertel in Hamburg, Belgisches Viertel in Köln, Glockenbachviertel in München, Nordend in Frankfurt oder Prenzlauer Berg in Berlin. Die neuen Ökos jenseits der Müsli-Fraktion glauben, Hedonismus und Ethik im „nachhaltigen“ Einkaufen verbinden zu können. Sie sanieren teure Altbaudächer, schieben Kinderwagen von Trendfirmen durch die Gegend und kaufen Hybridautos mit Ledersitzen.

Doch die Lifestyle-Ökos sind längst Opfer der Marketingleute, die die Kaufkraft erkannt, die Werbung auf sie abgestellt und ihre Produkte „grün“ gestrichen haben, wettert Hartmann. Das Marketing-Konzept heißt „Greenwashing“: Autohersteller pflanzen Bäume, Brauereien spenden für den Regenwald.

Bio-Idole vom Sockel kippen

Statt „142 Kisten Bier“ zu kaufen, könne man auch zehn Euro direkt für den Naturschutz spenden, meint Hartmann und kritisiert, „dass derselbe Bierhersteller den Tropenwald retten will und im TV die Formel 1 präsentiert“.

Doch die unverblümt agitatorische Argumentation von Hartmann zielt vor allem darauf, die „LOHAS“-Logik als „neoliberale Wirtschaftsideologie“ zu brandmarken. Motto: „Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht.“ Sie zitiert Studien und die Klassiker der Globalisierungskritik wie Klaus Werner-Lobos „Schwarzbuch Markenfirmen“ oder Naomi Kleins „No Logo“. Sie gefällt sich darin, Nachhaltigkeits-Idole vom Sockel zu stürzen oder gehässig gegen Web-Communities wie „utopia.de“ zu sein.

Aber was ist eigentlich wirklich gegen Bio-Konsum zu sagen, oder gegen den Versuch, bessere Kleidung im Sinne von fairem Handel oder ökologischer Produktion zu kaufen? Hartmann findet, der Weltmarkt ändere sich dadurch nicht. Statt glasklare, weltweite Gesetze zu erkämpfen, die allen zugute kämen, gebe man sich damit zufrieden, das Politische ins Private abzuschieben.

Sind die Verhältnisse auf dieser Welt so verkehrt, dass man kaum etwas richtig machen kann?

„Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“, von Kathrin Hartmann, Karl Blessing Verlag, München 384 S., 16,95 Euro. Übrigens: Laut Verlag stammt das Papier aus „aus vorbildlich bewirtschafteten Wäldern“.



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