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Mit der Farbskala auf Schatzsuche

Von CORDULA ORPHAL, 07.11.09, 07:09h

Jonas hielt sich nicht lang bei Federweißer und Zwiebelkuchen auf, er steuerte direkt auf die Schatzkiste zu und verkündete: „Ich will mich anmelden.“ Ihm folgte Thomas...

SANKT AUGUSTIN. Jonas hielt sich nicht lang bei Federweißer und Zwiebelkuchen auf, er steuerte direkt auf die Schatzkiste zu und verkündete: „Ich will mich anmelden.“ Ihm folgte Thomas auf dem Fuß, schon etwas vorsichtiger. Er habe eine Frage: „Wie viel Prozent Wahrscheinlichkeit besteht, hier eine Partnerin zu finden?“ Nadine Thierfeldt lächelte und schüttelte den Kopf: „Das kann ich gar nicht sagen.“ Jonas und Thomas (Namen geändert) haben eine Behinderung. Und Sehnsucht nach Zweisamkeit - genauso wie nicht Behinderte. Für sie hat der diakonische Vereins „Der Karren“ die Partnervermittlung gegründet. Zu dem Motto „Selbstbestimmt leben“ gehört halt auch das „Selbstbestimmt lieben“. Zeit miteinander zu verbringen inklusive Zärtlichkeit - und Sex.

Dass sich Paare finden, das sei in der Begleitung von geistig Behinderten längst kein Tabu mehr, sagen die Schatzkisten-Leiterinnen. Die 30-jährige Nadine Thierfeldt und die 43-jährige Gabriele Siebert leiten hauptberuflich Wohngruppen in Niederpleis und Troisdorf. Immer mittwochs öffnen sie nun die Schatzkiste in den Räumen des Karrens am Markt 71. Und versuchen, für jeden Topf ein Deckelchen zu finden. Bei der Schatzsuche helfen Farben. Alter, Größe, Gewicht, Hobbys, Wohnort und Arbeitsplatz - all das wird nach Zahlung der Fünf-Euro-Vermittlungsgebühr per Computer erfasst. Und mehr: Wird ein Mann gesucht oder eine Frau? Werden Raucher akzeptiert, Rollstuhlfahrer? Sollte der andere ein eher ruhigerer Typ sein oder lieber temperamentvoll? Und wie alt mindestens, höchstens? Sind Zärtlichkeit und Sex wichtig? Oder geht es um reine Freundschaft? Sämtliche Spezifika haben ihren Platz auf einer Farbskala, so dass die Vermittlerinnen auf einen Blick Übereinstimmendes erkennen. Je ähnlicher die Blau-, Grün- und Rottöne, desto wahrscheinlicher die Trefferquote.

Die Suchenden erhalten dann Angebote zugeschickt mit Fotos. Bei Gefallen wird ein erstes Treffen im Schatzkisten-Büro vereinbart - die Vermittlerinnen sind dabei und Begleitpersonen willkommen. Bei vielen Frauen, die oft sehr behütet in den Familien aufgewachsen sind, sei die Angst groß, an den Falschen zu geraten oder missbraucht zu werden, erläuterte Thierfeldt. Wohl auch deshalb gibt es in allen schon bestehenden Schatzkisten - die erste entstand in den neunziger Jahren in Hamburg, die nächstgelegene befindet sich in Köln - einen Männerüberschuss. Jonas und Thomas müssen sich wohl auch deshalb etwas gedulden: Damit die Vermittlerinnen aus dem Vollen schöpfen können, muss die Schatzkiste mit etwa 100 Anmeldungen gefüllt sein.

Die Schatzkiste ist telefonisch erreichbar unter 0 22 41 / 9 45 40-29, Fax 0 22 41 / 9 45 40-25, E-Mail schatzkiste@karren.de



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