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Stadtgeschichte

„Komfortabel in der NS-Zeit eingerichtet“

Von Jost Dülffer, 13.11.09, 22:11h

Die Forschung zur nationalsozialistischen Zeit in Köln hat einen Quantensprung gemacht. Noch nie ist so ausführlich und mit viel Sinn für Detail und Proportionen über die „braunen Jahre“ in dieser Stadt geschrieben worden.

Köln - Horst Matzerath, der erste Direktor des NS-Dokumentationszentrum, hat aus dem Ruhestand heraus ein schön ausgestattetes und gut gebundenes Buch vorgelegt, das in den Bücherschrank aller historisch interessierten Kölner - und nicht nur dieser - gehört. Genau dafür ist es im Rahmen der 13-bändigen Stadtgeschichte auch geschrieben, denn es vermeidet Fachjargon ebenso wie die detaillierte Abwägung wissenschaftlicher Kontroversen.

Freudige Hoffnung auf einen neuen Aufbruch

Lange, allzu lange hielt sich nicht unter Historikern, sondern im allgemeinen Bewusstsein die Meinung, hierorts sei alles gar nicht so schlimm gewesen, die kölsche Wesensart oder der Katholizismus hätte den Nazis wenig Chancen gegeben. Damit räumt Matzerath in seiner überwältigend dichten Darstellung auf.

Gewiss waren die Nationalsozialisten in den letzten Jahren der Weimarer Republik bei freien Wahlen leicht unterrepräsentiert, dann setzte aber 1933 auch in Köln der allfällige Anpassungsprozess wie überall im Reich ein. Politische Unterdrückung und Terror waren das eine, auf der anderen Seite standen aber auch in Köln Jubel für Adolf Hitler und freudige Hoffnung auf einen neuen Aufbruch. „Die sich aus dem Herrschaftsanspruch der Nationalsozialisten ergebenden politischen Strukturen und Konsequenzen waren in Köln mit denen in anderen großen Städten vergleichbar.“ (S. 537). Nationalsozialistische „Menschenführung" suchte alle Mitglieder der Gesellschaft einzubeziehen und zu mobilisieren. Insbesondere die Gauleitung um den starken Mann Josef Grohé tat sich hier hervor.

Auf der anderen Seite stand die Ausgrenzung und Verfolgung von unliebsamen Gruppen, von politischen Parteien über Kranke und Gebrechliche bis hin zu rassisch als „minderwertig“ angesehenen Teilen der Bevölkerung, vor allem den Juden. Für viele endete dies im Völkermord. „Gemeinschaftsfremde“ nannte man das später. Auch der Widerstand und dessen vielfältige Facetten werden deutlich gewürdigt - aber man musste sich nicht aufmüpfig gegeben haben, um in die Mühlen der Nationalsozialisten zu geraten.

Die Prägekraft der verkündeten „Volksgemeinschaft“ ließ erst in den letzten Kriegsjahren nach. Vielleicht sollte man aber noch deutlicher hervorheben, dass sich die meisten Kölner „Volksgenossen“ recht komfortabel in dieser Zeit einrichteten und anpassten. Man feierte gern und zwar auch im nationalsozialistischen Rhythmus der Jahre. Das Erlebnis neuer nationaler Größe blieb bis in den Krieg hinein wichtig, wohl aber nicht der Krieg als solcher. Nicht zufällig stieg die Zahl der formellen Nazis erst nach 1933 sprunghaft an.

Matzeraths Arbeit hat manche Stärken. Vieles, was wir aus allgemeinen Darstellungen zur NS-Zeit kennen, fand sich auch und mit leichten Varianten in Köln. Genau das wird an zahlreichen Beispielen plastisch gemacht. Überzeugend ist die Einbeziehung des regionalen Umfeldes im Rheinland. Das gilt besonders für die Arbeit der Partei und ihrer Gliederungen, des Herrschaftsanspruchs der wichtigsten Personen im „Gau“ Köln-Aachen, sodann im Krieg über die Reichsgrenzen hinaus nach Westeuropa.

Das lässt sich aber auch im Krieg über Evakuierungen in die Nähe, die Kinderlandverschickung bis hin nach Schlesien und angedeutet über die Kommunikation von Front und Heimat sagen. Natürlich kämpften Kölner an allen Fronten, nicht nur in der Wehrmacht, und dienten willig auch in den anderen NS-Organisationen der Verwaltung und Vernichtung. Nicht zuletzt gehören zu den außerkölnischen Ereignissen auch die Deportationen in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten.

Ein anderer Verdienst liegt in der Differenzierung nach sozialen Gruppen. Besonderes Augenmerk liegt auf den Jugendlichen und der Schule nebst der spezifisch nationalsozialistischen Ausrichtung etwa der Hitler-Jugend. Auch den besonders gepflegten Frauenrollen und deren Umsetzung sind kenntnisreiche Passagen gewidmet. Deutlich wird die Durchdringung der Öffentlichkeit durch „braune“ Medien, aber auch das Weiterbestehen einer Kultur- und Unterhaltungsindustrie, die manchmal nur wenig mit dem Hakenkreuz zu tun hatte.

Die Nationalsozialisten wollten die Gauhauptstadt Köln, „Hansestadt Köln“ hieß sie seit 1935, gründlich mit Achsen durchziehen, ein riesiges Gau-Forum in Deutz bauen. Die Arbeitslosigkeit der Weltwirtschaftskrise wurde relativ schnell beseitigt - aber dies diente zum größten Teil der Rüstungsindustrie und damit letztlich der Kriegsvorbereitung. Dies und vieles mehr kann man Matzeraths Buch entnehmen. Man liest sich fest, man erschrickt dabei ob der inneren Folgerichtigkeit, die von der Machtübernahme in Krieg und Vernichtung führte. Das sollten sich die Kölner nicht entgehen lassen.

Horst Matzerath, Köln in der Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945(Geschichte der Stadt Köln, Bd. 12), Greven Verlag Köln 2009, 657 Seiten, 60 Euro.



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