Von Annette Schroeder, 19.11.09, 11:42h
Kein Zweifel, dass Cicero die Nervenstärke hat, „die für eine Rolle im öffentlichen Leben unerlässlich ist“, wie sein scharfsinniger Schreiber Tiro anmerkt. Doch wenn Blut fließen muss, schaut der höchste Staatsbeamte lieber weg. Er, der geniale Strippenzieher, mag das Militärische nicht. Seine Waffe ist das Wort. „Durch die Sprache bin ich aufgestiegen, und durch die Sprache werde ich überleben“, zitiert Tiro seinen Herrn, den er mit milder Ironie, aber nicht ohne Sympathie betrachtet. Eine Haltung, die sich auch der Leser zu eigen macht.
Aus dem Blickwinkel des Sklaven nämlich hat der Brite Robert Harris den Aufstieg Marcus Tullius Ciceros als „homo novus“ in seinem Roman „Imperium“ geschildert. Nun, im zweiten, noch spannenderen Teil der Trilogie, ist der Aufsteiger ohne Vermögen am Ziel: Er avanciert zum Konsul - und findet die Republik vor der Zerreißprobe. Catilina will die Macht und Cicero beseitigen; Caesar lauert auf seine Chance „wie ein großer, von Schmarotzerfischen umschwirrter Hai“. Viele kleine und große Fische werden den Intrigen zum Opfer fallen. Politik ist ein Spiel - aber eines auf Leben und Tod: Das vermittelt Harris psychologisch glaubhaft und erzählerisch mitreißend. „Ich schreibe gern über Rom, weil es dort keine Heuchelei gab“, sagt der ehemalige Wegbegleiter von Tony Blair und New Labour. „Männer suchten die Macht, weil es schön war, mächtig zu sein.“ Und doch treibt Cicero bei allem Ehrgeiz auch die Sorge um die Res publica an. Seine politische Flexibilität, die ihm auch als Opportunismus ausgelegt wurde, lässt ihn bei Harris zum modernen Menschen mit all seinen Widersprüchen avancieren.
Nach dem Konsulat zelebriert der „Pater patriae“ eitel seine Rolle als Retter des Vaterlandes. Er lässt sich von der Anerkennung verführen, kauft mit schmutzigem Geld ein Haus und macht sich dadurch erpressbar. Zur moralischen Gegenfigur wird Cato der Jüngere, der flammende Reden im Senat hält („Unsere Republik ist bis ins Mark verrottet“). In einem historischen Moment bildet der exzentrische Hinterbänkler das Rückgrat der Republik; doch wird auch deutlich, dass mit dem Rigorismus der Stoa kein Staat zu machen ist.
So erschließt sich der Charakter Ciceros auch mit Blick auf seine Freunde und Feinde. Und im fernen Spiegel der Antike scheint immer wieder das Bild der Gegenwart durch, wenn Harris durch sein Sprachrohr Tiro erklärt, wie Politik funktioniert: als ein komplexes Spiel der Kräfte und Gegenkräfte, dessen Protagonisten auf dem schmalen Grat zwischen „Selbstvertrauen und Verblendung, Ruhm und Selbstzerstörung“ wandeln. Für Cicero wird dieser Balanceakt tödlich ausgehen, wovon Robert Harris im dritten Teil erzählen wird.
Robert Harris: Titan. Übersetzt von Wolfgang Müller. Heyne Verlag, München. 541 S., 21,95 Euro.
Der Autor stellt sein Buch heute um 20.15 Uhr in der Mayerschen Buchhandlung Köln vor, Schildergasse 31-37.
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