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Komische Oper Berlin

Stürme entfesselt

Von Christa Hasselhorst, 23.11.09, 20:43h

Hans Neuenfels inszeniert Shakespeares „Lear“ an der Komischen Oper Berlin. Der Provokateur Neuenfels nimmt sich diesmal ganz zurück für ein kaltes Kammerspiel. Zuvor war in der der Staatsoper Unter den Linden „Fledermaus“ gnadenlos gefloppt.

BERLIN. Der Tod beherrscht diesen Abend: er dräut und droht aus dem Orchestergraben und agiert auch als Figur. Er reduziert das Personal dieses Stücks erheblich. Und er erscheint, eklige Metapher, als Würmergewimmel in gigantischer Video-Projektion auf der Rückwand des milchig-grauen-Kastens (Bühne Hansjörg Hartung), in dem sich die Tragödie von König Lear abspielt.

Doch quicklebendig ist Shakespeares monströses Drama als Oper von Aribert Reimann; die Uraufführung 1978 brachte dem Komponisten den Durchbruch. Nun inszenierte Hans Neuenfels „Lear“ an der Komischen Oper Berlin. Die Geschichte ist bekannt: Der alte König Lear teilt sein Reich an seine drei Töchter auf, verlangt aber törichterweise zuvor öffentliche Liebesbezeugung. Zwei der drei heucheln dies eilfertig, Cordelia jedoch, ausgerechnet Papas Liebling, verweigert dies und wird dafür enterbt und verstoßen. Das undankbare Erben-Duo verjagt und verhöhnt den Vater bald. Es beginnt sein Passionsweg in Wüste und Wahn, Nacktheit und Nichts.

Der Provokateur Neuenfels nimmt sich diesmal ganz (altersweise?) zurück für ein kaltes Kammerspiel. Die Wucht des Stoffs spricht für sich, und die brachiale Kraft von Reimanns Klang-Tornados potenziert dies derart, dass die über zwei Stunden unter hohem Adrenalinfaktor stehen.

Neuenfels, Tiefenforscher der Opern-Psychen, macht Lear weder zum zornig-verbohrten Alten noch denunziert er ihn als lächerlichen Narr. Da ist schlicht ein Mann der Macht, der durch alle Höhen und Tiefen geht, am Ende arm an irdischen Gütern, aber reich an Erkenntnis ist. Machtverlust wird gegen Mit-Leiden getauscht. Der isländische Helden-Bariton Tómas Tómasson verkörpert diesen Regenten stimmlich tiefsatt timbriert und darstellerisch prägnant. Ergreifend, wenn im Graben ein klanglicher Sturm tobt, Lear verloren an der Rampe steht und ihm trotzt. Dumpfe dunkelglühende Cluster-Blöcke erklingen, nervenzehrende Geigen-Glissandi, Bläser-Stürme mit fanal-artigen Fanfaren, unerbittliche Tongitter, verästelte Noten.

Anstrengend, hart, brutal ist diese Musik, die Dirigent Carl St. Clair manchmal eine Spur zu laut, fast hysterisch aufdreht. Aberwitzige Stimm-Akrobatik wird fast allen Sängern abverlangt. Bravourös meistert Ingrid Vilsmaier als abgrundböse Tochter Goneril ihren in vokale Extrem-Lage getriebenen Sopran-Part. Anrührend Cordelia (Caroline Melzer) als verstoßene Tochter, deren lyrisch-melodiöse Arien im Kontrast zur Musik stehen. Auch der ebenfalls verstoßene Sohn des Grafen Gloster, Edgar, darf schöne Counter-Tenor-Töne singen (Martin Wölfel). Die Rolle des Narren besetzte Neuenfels mit seiner Lebensgefährtin Elisabeth Trissenaar, die in brechtscher Manier ihre Weisheiten singt. Später begleitet sie als Tod Lears Weg bis zum bitteren Ende. Als er sich ins Grab zur toten Tochter legt, verneigt sich selbst der Tod. Ein starkes Finale, versüßt von nun endlich ganz klassisch sinfonisch anschwellenden Geigen. Einhelliger starker Beifall für Regisseur, gesamtes Ensemble und den anwesenden Komponisten. Eins zu Null für die Komische Oper, war doch am Abend zuvor in der Staatsoper Unter den Linden eine ausgebuhte „Fledermaus“ selbst mit Star-Sopran Christine Schäfer rettungslos gefloppt. Auf Neuenfels' Regie der Bayreuther Eröffnungs-Premiere „Lohengrin“ im Juli 2010 darf man nun besonders gespannt sein.



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