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„So einen Fall gäbe es bei uns nicht“

Von Isa von Bismarck-Osten, 23.11.09, 23:16h

Der Fall des vermeintlichen Wachkoma-Patienten aus Belgien beschäftigt auch die Neurologen in Köln. Laut Walter Haupt, Professor für Neurologie an der Uniklinik Köln, und Professor Thomas Rommel, Chefarzt der der Neurologischen Rahabilitationsklinik „Rehanova“ leidet Rom Houben offenbar an dem so genannten Locked-In-Syndrom. Es bezeichnet einen Zustand, bei dem der Patient bei erhaltenem Bewusstsein fast vollständig gelähmt ist. Die Neurologen sind sich einig: Einen solchen Fall gäbe es in ihren Häusern nicht. Elke Feuster, Leiterin von „Haus Christophorus“, einer Pflegeeinrichtung für Wachkoma-Patienten der Alexianer Brüdergemeinschaft, dagegen ist skeptisch: „Es kann sein, dass man das Locked-In-Syndrom verkennt.“ Äußerst positiv indes hat sich Armin Nentwig, Bundesvorsitzender des Vereins für Schädel-Hirnpatienten in Not geäußert. Die neurologische Rehabilitation in Deutschland sei „in der Welt einmalig“.

„Deutschland verfügt über eine etablierte neurologische Intensivmedizin“, sagt Walter Haupt von der Uniklinik Köln. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass hierzulande ein Patient mit Locked-In-Syndrom über Jahre falsch diagnostiziert werde, sei „sehr gering“. Für ihn sei es „nicht vorstellbar“, dass jemand 23 Jahre nicht untersucht werde, so Haupt. Jedes Jahr kämen hunderte Koma-Patienten in die Uniklinik Köln, darunter im Schnitt ein Patient mit Locked-In-Syndrom. Als „einfach“ bezeichnet es Haupt, zwischen Wachkoma und Locked-In-Syndrom zu differenzieren. Mit Hilfe einer Elektro-Enzephalographie (EEG) etwa, einer Methode, mit der die elektrischen Gehirnströme gemessen werden. Mit einer EEG könne geprüft werden, ob das Gehirn „normal“ funktioniere, ob etwa Reize in der Großhirnrinde ankommen. „Das steht in jedem Kochbuch der Intensivmedizin“, so Haupt. Der belgische Neurologe Steven Laureys hat Houben mit einem Positronen-Emissions-Tomographen (PET) untersucht, der den Stoffwechsel des Gehirns abbildet. Einen PET hält Haupt für eine Differenzierung indes eher nicht für nötig. „Wenn man das mit einfachen Untersuchungen schon machen kann, weshalb dann mit aufwändigen?“

Patienten werden täglich neurologisch untersucht

Hinzu kämen die klinischen Untersuchungsverfahren: Dabei prüften Ärzte etwa, ob die Pupillen auf Bewegung, ob die Gesichtsmuskeln auf Schmerz oder die Muskulatur auf Würgereiz im Rachen reagiere. „Da gehört Übung dazu“, räumt Haupt ein. In „guten neurologischen Intensivstationen“ würden die Tests „täglich“ mit den Patienten durchgeführt. Für die Diagnose schließlich werde überprüft, ob die Befunde des EEG zu denen aus den klinischen Untersuchungen passen.

Auch der Neurologe Thomas Rommel vom „Rehanova“ hält einen Fall wie den des Belgiers in seinem Haus für unwahrscheinlich: „Ich würde das ausschließen, ja.“ Schließlich gehörten Untersuchungen der Patienten mit EEG und Computertomographen im „Rehanova“ zum „Standardrepertoire“. 80 bis 100 Koma-Patienten kämen jedes Jahr in die sogenannte Früh-Rehaklinik, die Patienten direkt nach der Operation aufnimmt. Zehn bis 15 Patienten davon hätten das Locked-In-Syndrom. Auch im „Rehanova“ würden die Patienten „engmaschig“ untersucht. Klinische Untersuchungen gehörten selbstverständlich dazu.

Im „Haus Christophorus“ ist man dagegen eher skeptisch: „Übersehen kann man immer etwas“, sagt Heimleiterin Elke Feuster. Rund 34 Koma-Patienten nimmt das Haus Christophorus im Jahr auf. Gemeinsam ist ihnen, dass sie als austherapiert gelten und ein „Erwachen“ als unwahrscheinlich gilt. Trotzdem würden auch sie einmal im Monat klinisch untersucht. Zudem seien die Mitarbeiter sehr aufmerksam. „Sie kennen die Bewohner sehr gut“, so Feuster. Eine Untersuchung mit EEG könne indes nur ein Neurologe anordnen.

Armin Nentwig, Bundesvorsitzender des Vereins für Schädel-Hirnpatienten in Not schließt einen Fall wie den des Belgiers in Deutschland aus: „Nein, da sind wir in Deutschland wesentlich weiter.“ Zur Differenzierung zwischen Wachkoma und „Locked-In-Syndrom“ hält auch er ein EEG für ausreichend. Mit 250 neurologischen Kliniken mit rund 5000 Betten sei Deutschland sehr gut aufgestellt. „Patienten sind in Deutschland in guten Händen“, so der Bundesvorsitzende.



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