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Tagesthema vom 18. November

Stundenplan und Anwesenheitspflicht

Von Ralph Kohkemper, 17.11.09, 22:01h, aktualisiert 20.11.09, 13:12h

Bundesweit machen Studenten auf den Straßen ihrem Zorn Luft. Neben einer Abschaffung der Studiengebühr fordern sie eine Nachbesserung bei Bachelor und Master. Auch Schüler protestieren. Sie fordern kleinere Klassen.

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"Der Protest geht weiter", haben sich die streikenden Studenten auf die Fahnen geschrieben. (Bild: dpa)
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"Der Protest geht weiter", haben sich die streikenden Studenten auf die Fahnen geschrieben. (Bild: dpa)
Was ist der Bologna-Prozess?

1999 unterzeichneten in der norditalienischen Stadt 29 europäische Staaten eine Erklärung, bis 2010 einen einheitlichen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Inzwischen sind 46 Staaten beteiligt. Ziel dieses Prozesses ist weiterhin eine bessere internationale Vergleichbarkeit und mehr Mobilität - also der leichtere Wechsel - im europäischen Hochschulsystem.

Wie hat sich das Studium verändert?

Kernelement des Bologna-Prozesses ist die Einführung eines zweistufigen Studiensystems aus Bachelor (BA), der einen stärkeren Praxisbezug haben soll, und Master (MA), der eine vertiefende wissenschaftliche Ausbildung zum Ziel hat. Durch die neuen Abschlüsse fallen Magister und Diplom langfristig weg. Die Bachelor-Studiengänge haben einen festgelegten Stundenplan, Anwesenheitspflichten sowie eine starre Regelstudienzeit. Der BA-Studiengang soll drei, maximal vier Jahre, der darauf aufbauende MA-Studiengang ein, höchstens zwei Jahre dauern. Zusammengesetzt ist der BA aus so genannten Modulen, also Studieneinheiten, die sich über ein, höchstens zwei Semester erstrecken sollen. Bereits ab dem ersten Semester gibt es Prüfungen und Klausuren, bis zum Ende des Studiums muss der Studierende mindestens 180 Punkte nachweisen, um den Bachelor zu erhalten. Für den MA-Abschluss sind 300 Punkte gefordert.

Wie viele studieren auf den Bachelor?

Zum Wintersemester 2008 / 2009 waren laut Bundesbildungsministerium 75 Prozent aller Studiengänge (9200 von 12 300 Studiengängen) auf BA/MA umgestellt. Gegenüber dem Sommersemester 2008 nahm die Zahl der neuen Studiengänge um mehr als 20 Prozent zu. Insbesondere in den Fachhochschulen ist die Umstellung mit 94 Prozent aller Studiengänge schon sehr weit fortgeschritten. Die meisten Studierenden mit Ziel Bachelor oder Master finden sich bei den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie in der Fächergruppe Mathematik und Naturwissenschaften. Der Großteil der nicht umgestellten Studiengänge (1900) führt weiter zu staatlichen oder kirchlichen Abschlüssen.

Der Anteil von Studierenden in BA/MA-Studiengängen lag im Wintersemester 2007/2008 bei mehr als 30 Prozent. Knapp zwei Drittel der Studienanfänger schrieben sich in einem umgestellten Studiengang ein. Bei den Absolventen lag der Anteil der neuen Studiengänge im Jahr 2007 noch bei 14,3 Prozent.

Kann jeder BA-Absolvent den Master machen?

Viele Hochschulen wollen einen qualifizierenden BA-Abschluss zur Bedingung machen. Der deutsche Hochschulverband geht aber davon aus, dass die meisten Studierenden nach dem BA-Studiengang einen Master anstreben, „aus Nummer sicher“, wie es heißt. Befürchtet wird aber, dass es am Ende dafür nicht genügend Studienplätze geben wird und der Studierende seinen BA-Abschluss nicht mehr ausbauen kann.

Wie ist die Lage an den Hochschulen?

Viele Universitäten sind weiter chronisch unterfinanziert. Entsprechend begrenzt ist dort das Angebot für Studierende. Hörsäle und Seminare sind überfüllt. Das ist mittlerweile eine Konstante der deutschen Hochschulbildung - darunter litten bereits ganze Studierende-Generationen. An renommierten Hochschulen in Großbritannien und den USA liegt das Verhältnis von Professoren zu Studierenden bei 1:10. In Deutschland bewegt sich das durchschnittliche Betreuungsverhältnis bei 1:66. In manchen Fächern wie Anglistik und Germanistik sogar bei rund 1:150. Bei den Ausgaben pro Absolvent rangiert Deutschland laut OECD aber auf Rang vier. Die Organisation wertet dies als ein Indiz für die Ineffizienz des deutschen Hochschulsystems.

Wie sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

Verlässliche Daten gibt es noch nicht. Viele Studierende befürchten aber, dass der BA-Abschluss in der Wirtschaft nicht goutiert wird. Seitens des Deutschen Hochschulverbandes heißt es, die Unternehmen könnten die neuen Abschlüsse womöglich nicht richtig einschätzen und würden im Zweifelsfall einen anderen Bewerber vorziehen.

Die Signale aus der Wirtschaft sind unterdessen andere. Größere, vor allem international aufgestellte Unternehmen könnten die neuen Abschlüsse sehr wohl einschätzen, heißt es bei Wirtschaftsverbänden. Die Personalverantwortlichen würden sehr genau schauen, wer was studiert hat. Die ersten Erfahrungen mit BA-Absolventen seien positiv. Nicht auszuschließen sei aber, dass es bei kleineren Betrieben noch Vorbehalte geben könnte.

Kann man schneller die Uni wechseln?

Ein Ziel der Reform war es, die so genannte Mobilität zu erhöhen. Nach Einschätzung des Hochschulverbandes ist aber bisher das Gegenteil eingetreten. Einer der Gründe: Vielfach würden erbrachte Leistungen von anderen Hochschulen nicht anerkannt. In dem Wettbewerb um Studierende würden viele Universitäten Studiengänge anbieten, die mit denen anderer Hochschulen nicht ohne weiteres kompatibel seien.

Wird das Studium schwerer zu finanzieren?

Der Hochschulverband sieht nicht nur die wissenschaftlichen Freiheiten der Studierenden eingeschränkt, sondern auch die Möglichkeit, nebenher zu jobben. Dies gelte für den BA- und den MA-Abschluss. Dies könnte viele Studierende abschrecken oder sie nötigen, Schulden zu machen. Bafög-Empfänger befürchten, die Regelstudienzeit nicht zu schaffen und danach aus der Förderung herauszufallen.

Sinkt die Zahl der Studienabbrecher?

Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sieht Anzeichen dafür, dass die Zahl der Studienabbrecher zurückgeht. Einen Beleg gebe es aber noch nicht. Gerade von den jetzigen Erstsemestern werde die „verschultere“ Form angenommen. Eine Studie an der Bochumer Ruhr-Universität zeigte, dass sich die Zahl der Studierenden, die ihr Studium in der Regelstudienzeit abschlossen, fast verdoppelte.

Was sind die zentralen Forderungen?

Hochschulverband und Hochschulrektorenkonferenz halten die Einführung der neuen Studiengänge weiter im Grundsatz für richtig, sehen aber Nachbesserungsbedarf. Laut HRK habe bisher eine Überprüfung des Lehrstoffes mit Blick auf die kürzere Studienzeit nicht in ausreichenden Maße stattgefunden. Überdies müsste die Prüfungsbelastung zurückgefahren werden . Der Hochschulverband fordert die Unis auf, ihre Curricula zu vereinheitlichen. Vor allem aber müssten mehr Professorenstellen bereitgestellt werden. Nach der Studentenmatrix 2009, einer Studie des Bochumer Unicum-Verlags und des Hamburger Instituts für Markt- und Trendforschung „EARSandEYES“, beurteilten 52 Prozent aller Hochschüler die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen negativ: Alte Inhalte seien lediglich in eine neue Struktur gepresst worden.



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