Schriftgröße

Tagesthema vom 8. Dezember

Die Vorreiter von Potsdam

Von Werner Grosch, 07.12.09, 10:09h, aktualisiert 08.12.09, 22:52h

Der Klimagipfel in Kopenhagen hat begonnen. Eindringlich haben die ersten Vertreter die Delegierten dazu aufgefordert, es nicht bei bloßen Absichtserklärungen zu belassen. Das Institut für Klimafolgenforschung spielt eine zentrale Rolle.

Chemiefabrik in China
Bild vergrößern
Chemiefabrik in China. (Bild: dpa)
Chemiefabrik in China
Bild verkleinern
Chemiefabrik in China. (Bild: dpa)
Tausende Delegierte kauen in Kopenhagen ein hartes Brot. Was Forscher aus aller Welt ihnen vorsetzen, macht nur eines deutlich: Es ist Zeit zum Handeln, und zwar dringend. Im Wettbewerb der Horrorszenarien liegt ein Institut stets weit vorne: Das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, kurz Pik. Eine unabhängige Einrichtung, eine private Gründung. Lange war das Grund genug für so genannte Klimaskeptiker, auch und gerade dem Pik zu unterstellen, dass es den Klimawandel erfunden habe, um sich auf diese Weise Forschungsgelder zu sichern.

Fakt ist indes, dass sich das Pik in 16 Jahren zu einem der führenden Klima-Institute der Welt entwickelt hat. Pik-Gründer Hans-Joachim Schellnhuber und der Meeresexperte Stefan Rahmstorf gehören zu den wichtigsten Umweltberatern der Bundesregierung und sind Mitautoren der UN-Klimaberichte. Pik-Chefökonom Ottmar Edenhofer wurde in diesem Jahr zum Leiter der Ökonomie-Arbeitsgruppe innerhalb des Weltklimarates IPCC ernannt. Schellnhuber, der zeitweise in Großbritannien arbeitete, darf sich seit 2004 gar „Commander of the British Empire“ nennen - geehrt von der Queen.

Schellnhuber wirbt seit fast zwei Jahrzehnten darum, das Klimaproblem ernst zu nehmen. Endgültig bestätigt fühlen konnte er sich durch den IPCC-Bericht von 2007, in dem ein gefährlicher Klimawandel für gesichert erklärt und die Ursache Mensch als praktisch unzweifelhaft benannt wird.

Am Pik werden weltweite meteorologische Messdaten ebenso ausgewertet wie Informationen aus Eisbohrkernen, die Aufschluss über das Klima mehrerer hunderttausend Jahre geben. Hinzu kommen Satellitenaufnahmen beispielsweise zum Meeresspiegel. Mit Hilfe der Messdaten werden am Computer Modelle für die künftige Entwicklung erarbeitet. Außerdem arbeitet das Pik mit vielen Instituten weltweit zusammen, um Daten und Analysen auszutauschen. Künftig wird sich der Schwerpunkt auf Maßnahmen zur Begrenzung des Klimawandels und zur Anpassung an sein schon jetzt unvermeidbares Ausmaß verlegen. Dazu gehört ein Kataster, das die Auswirkungen der Erwärmung auf die verschiedenen Regionen in Deutschland präzise beschreiben soll.

Die Pik-Forscher Schellnhuber und Rahmstorf gehören auch zu den 26 internationalen Wissenschaftlern, die jetzt die „Kopenhagen-Diagnose“ gestellt haben. Sie soll vor allem deutlich machen, dass die Klimaforscher in den vergangenen Jahren nicht etwa übertrieben, sondern noch viel zu konservativ gerechnet haben. Für den jüngst herausgegebenen Bericht haben die 26 Forscher, die größtenteils auch an den IPCC-Reports mitarbeiten, ein Jahr lang kooperiert. Die Ergebnisse zwingen auch die Pik-Forscher zum Eingeständnis eines schweren Fehlers: „Leider zeigen uns diese Daten, dass wir die Klimakrise bisher unterschätzt haben“, gibt Rahmstorf zu. Beispiele dafür, wie die Wirklichkeit die Modelle überholt: Der Eisverlust in der Arktis war in den Jahren 2007 bis 2009 um 40 Prozent größer als im Mittelwert der Prognosen. Der Anstieg des Meeresspiegels lag in den vergangenen 15 Jahren um 80 Prozent über der Einschätzung des IPCC von 2001. Am schlimmsten aber ist diese Zahl: Im Jahr 2008 wurde weltweit 40 Prozent mehr Kohlendioxid in die Luft gepustet als im Jahr 1990. Ein gewaltiger Anstieg, der den bisherigen Misserfolg des Klimaschutzes belegt. Und an dieser Stelle zeigt sich erneut, warum das Pik eine so große Rolle in der öffentlichen Debatte spielt. Es sind die starken Worte. Institutschef Schellnhuber fordert immer wieder eine „dritte industrielle Revolution“, in der der Ausstoß an Treibhausgasen fast auf Null gefahren wird. Um starke Worte ist er auch jetzt nicht verlegen: „Dies ist der letzte wissenschaftliche Aufruf an die Unterhändler von 192 Staaten, den Klimaschutz-Zug in Kopenhagen nicht zu verpassen. Sie müssen die ganze Wahrheit kennen.“

Die Kölnische Rundschau im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Rundschau zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Newsticker


Anzeige


Rundschau-Spiel


Bildergalerien


Rundschau-Forum


Videonews Politik


Ihre Top-Artikel


Aktion


SERVICE


Extra


Dienste