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Hirndoping

Geistesblitze auf Rezept

Von Jörg Zittlau, 14.12.09, 21:19h

Lampenfieber, Prüfungsängste, Konzentrationsstörungen: Die Zahl der Menschen, die sich regelmäßig mit Medikamenten für den Alltag rüsten, steigt auch in Deutschland. Hirndoping wird zum Trend - dabei ist die Wirkung der meisten Aufputscher nicht bewiesen.

Medikamente
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Immer mehr Menschen in Deutschland putschen sich mit Medikamenten auf. (Bild: dpa)
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Immer mehr Menschen in Deutschland putschen sich mit Medikamenten auf. (Bild: dpa)
Die Zeiten, in denen der Mensch körperlich hart arbeiten musste, sind in unseren Breiten vorbei. Dafür wird er im Informationszeitalter zunehmend intellektuell gefordert, sein Hirn muss mehr und schneller arbeiten denn je - und hierfür kommen immer öfter Drogen zum Einsatz.

Der Trend zum Hirndoping, Brain-Boosting oder Neuro-Enhancement stammt aus den USA. Dort ergab bereits im Jahr 2005 eine Umfrage, dass etwa sieben Prozent der College-Studenten mindestens einmal Methylphenidat eingenommen hatten, um sich für eine Prüfung fit zu machen oder die Nacht durchpauken zu können. Der unter dem Produktnamen „Ritalin“ bekannte Wirkstoff wird eigentlich zur Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern eingesetzt. Ob er auch bei gesunden Menschen die kognitiven Leistungen bessere, sei „keinesfalls sicher“, betont Psychiater Mathias Berger vom Uniklinikum Freiburg.

Aber oft genüge ja schon der Glaube oder Plazebo-Effekt, um kognitive Berge zu versetzen. Besser dokumentiert ist der Brainbooster-Effekt von Modafinil, das eigentlich für die Schlafkrankheit Narkolepsie angezeigt ist. „Doch ein jährlicher Umsatz von mehr als 200 Millionen Dollar weist auf einen erheblichen Gebrauch außerhalb der zugelassenen Indikation hin“, sagt Berger. Der international erfolgreiche Poker-Spieler Paul Phillips gab jüngst zu, sich mit Modafinil und einem anderen Psychostimulans für seine Turniere präpariert zu haben. Die Sportverbände setzten den pharmazeutischen Muntermacher vor einigen Jahren auf die Liste der verbotenen Doping-Mittel.

Werden wir zu Arbeits-Zombies?

In Deutschland wird neben Ritalin vor allem Piracetam zum Hirndoping eingesetzt, fand die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) in einer Umfrage an 3000 Arbeitnehmern heraus. Eigentlich ein verschreibungspflichtiges Mittel für Demenzkranke, doch nur auf 2,7 Prozent der entsprechenden Rezepte war Demenz auch als Diagnose aufgeführt. In mehr als vier Fünfteln der Fälle wurde es, so die DAK, bei „zulassungsüberschreitenden Diagnosen“ eingesetzt - wie Stress, Konzentrationsmängel, Erschöpfung.

Insgesamt fünf Prozent der erwerbstätigen Bundesbürger greifen immer wieder zu pharmazeutischem Hirndoping, um schlechte Laune zu vertreiben, Lampenfieber und Versagensängste zu dämpfen sowie Lern- und Konzentrationsschwächen zu beheben. Etwa ein Fünftel von ihnen glaubt, dass die Risiken im Verhältnis zu ihrem Nutzen vertretbar seien. Dabei sollten schon die Nebenwirkungen von Ritalin zu denken geben, das oft zu Herzrasen, Aggressivität, Schlaflosigkeit und depressiven Verstimmungen führt. Berger warnt außerdem, dass sich unter dem Einfluss der Neuro-Enhancer die Informationsverarbeitung im Gehirn verändern würde. Und: „Die Auswirkungen auf die Persönlichkeit eines Menschen, der sich für seine Erfolge nicht mehr anstrengen muss, sind nicht absehbar.“

Und trotzdem: Namhafte Wissenschaftler plädierten kürzlich in der Fachzeitschrift „Nature“ für eine „verantwortungsvolle Freigabe“ der Psychomittel. Denn heute könne doch ohnehin jeder, der das wolle und bezahlen könne, sein Hirn mit Medikamenten aufrüsten. Die US-Wissenschaftlerin Martha Farah will sie zwar nicht als „harmlose Kaugummis“ bagatellisieren, doch andererseits gebe es Schlimmeres, „wie etwa das Rauchen“.

Im Diskussionsforum der Zeitschrift warnt ein Leser, dass wir durch Hirndoping „zu arbeitsbesessenen Zombies“ mutieren würden, doch dem entgegnet wiederum der nächste Forumsteilnehmer: „Wenn ich eine Pille habe, die mich schneller und besser arbeiten lässt, bin ich mit der Arbeit früher fertig und habe mehr Zeit zum Leben.“



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