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Interview mit Campino

„Bei uns gibt es keinen Teenie-Wahn“

Erstellt 16.12.09, 19:40h

Die Toten Hosen spielen ab dem 19. Dezember sechs Mal hintereinander im ausverkauften Düsseldorfer ISS Dome. Mit Frontmann Campino sprach Sarah Keller über Fankult und Punk-Philosophie.

Campino
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Toten-Hosen-Frontmann Campino ist für viele Fans ein Idol. Manche haben sogar dieselben Tattoos wie der Sänger. (Bild: dpa)
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Toten-Hosen-Frontmann Campino ist für viele Fans ein Idol. Manche haben sogar dieselben Tattoos wie der Sänger. (Bild: dpa)
Was ist das für ein Gefühl, immer wieder vor wahrscheinlich denselben Fans in derselben Halle zu spielen?

Wir machen das ja, weil wir bisher immer in Düsseldorf etwas anderes anbieten als die normale Tournee. Wir haben zum Beispiel das Stadion bespielt, wir machen immer Sonderaktionen. Aber wenn die Leute im Stadion sitzen, sind sie viel weiter weg, als wenn wir in einer kleineren Halle spielen. Das ist nicht fair. Im ISS Dome soll jeder die Chance haben, einmal nahe an der Bühne zu sein und das volle Brett zu bekommen. Mehr als sechs Weihnachtskonzerte gehen aber nicht - nach dem 26. Dezember will da keiner mehr was von wissen. Es ist eine kurze, intensive Zeitspanne. Jeden Abend wird eine andere Vorband eröffnen, und auch wir werden unser Programm zumindest teilweise variieren.

Allein in Düsseldorf werden über 70 000 Fans die Toten Hosen innerhalb einer Woche sehen. Ihre Fans reisen Ihnen bis Argentinien hinterher, in den Konzerten singen alle mit. Die Fans der Toten Hosen scheinen eher sehr speziell zu sein...

Jeder Künstler würde sagen, dass seine Fans die besten der Welt sind. Da schimmert dann durch, dass man geschmeichelt ist. Viele Leute kommen nicht zu den Toten Hosen für ein bestimmtes Lied, sondern wegen der Grundeinstellung der Band. Es sind viele dabei, die entdeckt haben, dass das Rumreisen mit uns eine feine Art ist, um Land und Leute kennen zu lernen. Es entwickeln sich Freundschaften, und irgendwann geht es gar nicht mehr um das Konzert, sondern um das Gemeinschaftsgefühl. Wenn man Fans in Ungarn oder Panama begegnet, ist da sofort eine andere Verbundenheit.

1997 ist ein Fan beim Jubiläumskonzert umgekommen, weil die Euphorie so groß war. Manche tragen dieselben Tätowierungen wie Sie. Haben Sie manchmal Angst, dass die Fans in ihrer Begeisterung außer Kontrolle geraten? Dass sie Grenzen überschreiten?

Das ist zwar eine Art Fankult, aber da gibt es extremere Beispiele. Wir werden nicht vergöttert, jedenfalls nicht von der Mehrheit der Fans. Das ist das Feine: Wir werden mit unseren Schwächen anerkannt. Bei den Toten Hosen gibt es nicht so einen Teenie-Wahn. Diese unkontrollierte Euphorie findet man eher bei Robbie Williams oder Tokio Hotel. Unsere Anhänger sehen sich eher auf Augenhöhe. Bei einem Konzert will man natürlich Energie freisetzen - und es wäre naiv, zu glauben, dass da nichts passieren kann. Bei einem Abend mit so vielen Leuten kann man das Risiko nur möglichst reduzieren.

Bei den ersten Konzerten wollten Sie auf einer gleichen Ebene mit den Fans auftreten und haben sich geweigert, auf einer erhöhten Bühne zu stehen. Ist das noch so eine Art „Punk-Philosophie“, dass man keine Distanz zu seinen Fans hat?

Diese Ideologie haben wir damals ja mit Löffeln gefressen - und davon sind viele Dinge hängen geblieben. Das sind die Ursprünge, das ist unsere Erziehung. Man muss nur aufpassen, dass das nicht zu einer Lüge wird. Natürlich haben wir eine Sonderstellung, aber man kann sich bemühen, das so gering wie möglich zu halten. Wenn ich ins Publikum springe, ist das nichts anderes als eine hilflose Geste, zu zeigen, dass man sich für nichts zu schade ist. Es bleibt aber letztendlich nur bei einer Geste.

Sie reden offen über Persönliches, erzählen etwa von der Trennung von Ihrer Freundin, von Ihrem Sohn. In den Fan-Foren wird Ihr Privatleben diskutiert. Wo liegt für Sie da die Grenze?

Ich hab' eine klare Grenze, mehrere sogar. Es ist ein Trugschluss, dass ich Anekdoten aus dem Leben mit meiner Partnerin erzähle. In Deutschland weiß doch niemand, ob ich eine Freundin habe oder nicht. In den Foren mag diskutiert werden, aber ich diskutiere nicht. Ich lese das auch nicht. Ich muss das auch nicht kommentieren. Ich gehe an die Öffentlichkeit, wenn klar ist, dass die Boulevardpresse ein Thema aufgreifen wird. Dann geht man nach vorne, macht eine offizielle Erklärung und übersteht die Tage danach, indem man ausharrt. Ich würde nie ein Foto von meinem Sohn an die Öffentlichkeit geben. Meine Wohnung würde ich niemandem zeigen. Es wimmelt nur so vor Grenzen.

Halten sich die Fans an Ihre Grenzen?

Zu einem unglaublich großen Teil: Ja. Ich hab mich in den all den Jahren mit großem Respekt behandelt gefühlt. Das fand ich immer auffallend. Ich bin nie hysterisch behandelt worden. Stalking-Erlebnisse hat jeder, der in der Öffentlichkeit steht, aber das hielt sich in Grenzen. Auch wenn mein Müll über Jahre hinweg von Leuten durchsucht wurde. Dann entwickelt man komische Verhaltensweisen: Die Milchdose schmeiß ich da rein, private Post aber sicher nicht. Auch nicht abgeschnittene Fingernägel. Das ist aber auch schon alles.

Können Sie sich ein Leben ohne Konzerte und Fans überhaupt vorstellen?

Es wird der Tag kommen, an dem wir keine Konzerte mehr spielen werden. Ob ich dann den alten Zeiten hinterherweinen werde oder nicht, wird sich zeigen. Ich lebe sehr angenehm in den Phasen ohne Öffentlichkeit. Aber vielleicht nur, weil ich weiß, dass wir irgendwann wieder spielen werden. Ich kann prima mehrmonatige Reisen ins Ausland machen, wo mich kein Schwein kennt. Ich weiß aber nicht, wie das wäre, wenn das mein Lebensschicksal wäre. Ich genieße, dass meine Geschichte bei den Toten Hosen wohl der Hauptinhalt meines kleinen Lebens ist.



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