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Viel mehr als nur Innenansichten

Von SABINE LUDWIG, 02.01.10, 07:06h

Ein Tisch, ein Kreuz, eine Ofenbank, vielleicht noch eine Kommode. Das Leben einer Bauernfamilie im Irland des Jahres 1989, es ist karg. Ein Kargheit, die Martin Rosswog immer...

Ein Tisch, ein Kreuz, eine Ofenbank, vielleicht noch eine Kommode. Das Leben einer Bauernfamilie im Irland des Jahres 1989, es ist karg. Ein Kargheit, die Martin Rosswog immer wieder fasziniert, die er seit 20 Jahren auf „Innenansichten“ fotografisch festhält. Der Lindlarer gewährt dem Betrachter Einblicke in Häuser quer durch Europa. Nicht in städtisch-bürgerliche Häuser - „das interessiert mich nicht“, sagt Rosswog. Er dokumentiert das einfache bäuerliche Wohnen.

30 000 Negative finden sich in seinem Archiv - mit Aufnahmen aus Häusern in Großbritannien, Russland, Finnland, Rumänien, Ungarn, Spanien und vielen Ländern mehr. Und so sehr alle diese Bilder dem gleichen Thema unterliegen, so unterschiedlich sind sie. Denn sie zeigen ganz verschiedene Stile und kulturelle Prägungen. Und sie dokumentieren eine bäuerliche Welt, die immer mehr verschwindet, weil jüngere Generationen die Arbeit nicht fortsetzen oder sogar ganz die Heimat verlassen haben. Und so sieht Martin Rosswog seine Aufgabe als Fotograf auch darin, eine Zeiterscheinung festzuhalten: „Ich mache nicht in Kunst, sondern Dokumentation.“

Dabei kam Rosswog auf Umwegen zu seinem Beruf, der erst eine schöne Nebensache war. Nach einem Studium der Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Medienpädagogik arbeitete er freiberuflich als Medienpädagoge und Fotograf. Nach dem Studium der Supervision von 1980 bis 1982 in Kassel ging Rosswog nach Düsseldorf.

Seitdem hat er unzählige Ausstellungen gestaltet - unter anderem in der Galerie Edgar Faure in Paris, dem Magyar Mezögazdasagi Museum Budapest, für den Kunstverein Hof, die städtische Galerie in Plovdiv in Bulgarien, oder in diesem Jahr in Kosice in der Slowakei. Auch das Rheinische Landesmuseum Bonn widmete Martin Rosswog bereits eine Retrospektive. Zahlreiche Veröffentlichungen zeigen zudem die Schwerpunkte seines Werks. Anders als sein Lehrer Bernd Becher integriert Rosswog jedoch auch Portraits in seine Serien. „Ich kann die Menschen nicht vernachlässigen. Bei jemandem, der Sozialpädagogik studiert hat, ist das gar nicht anders möglich“, meint er. Seit acht Jahren stellt er zu seinen Aufnahmen auch Tagebuch-Texte dazu. „Darin kann man wunderbar die Begegnungen und die Erzählungen von Menschen festhalten“, so Rosswog.

In seiner Linie bleibt der Fotograf sich stets treu. Und er achtet auch darauf, dass seine Auftragsarbeiten sein Thema „Innenansichten“ berühren. So hielt er mit seinen Bildern für das Detmolder Landesmuseum fest, wie Russlanddeutsche heute in Deutschland leben. Der Lindlarer wird auch die Jahresausstellung 2011 im Freilichtmuseum Kommern gestalten. Dort wird der Schwerpunkt auf dem bisher grob festgelegten Thema „Wohnungen und Wirtschaftsformen“ liegen.

Digitales Bildarchiv

als Horrorvorstellung

Treu bleibt Rosswog auch seiner alten Kamera, einer Mamiya-Mittelformatkamera, mit der er seit Jahren analog fotografiert - Innenansichten stets in Farbe, Landschaftsaufnahmen in Schwarz-Weiß. „Es ist für mich eine Horrorvorstellung, ein Archiv auf Festplatte zu haben“, sagt er angewidert. „Ich brauche meinen Leuchttisch, um mich für ein Foto zu entscheiden.“ Dabei hat der 59-Jährige durchaus nicht den Blick für die Gegenwart verloren - so will er sein großes Thema „Innenansichten“ in zwei bis drei Jahren abschließen und er hat, „um als 59-Jähriger den Kontakt zur Jugend nicht zu verlieren“, einen Lehrauftrag an einer Fachhochschule.

Seine Arbeit macht ihm sichtlich Freude. Fast in jedem Satz wird deutlich, wie wichtig es ihm ist, gesellschaftliche Veränderungen in Bildern festzuhalten. Er will Wahrheiten zeigen - und so möchte er weder aufgeräumte Zimmer noch Kunstlicht: „Ich möchte zeigen, wie es ist - eben genau so wie die Menschen leben.“



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