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Zwischen Trauma und Aufbruch

Von GREGOR RITTER, 07.01.10, 07:03h

Auch nach mehr als 60 Jahren - der Name allein ist ein Stigma, eine Erinnerung an eines der dunkelsten Geschichtskapitel im 20. Jahrhundert und gleichermaßen eine Mahnung...

KERPEN. Auch nach mehr als 60 Jahren - der Name allein ist ein Stigma, eine Erinnerung an eines der dunkelsten Geschichtskapitel im 20. Jahrhundert und gleichermaßen eine Mahnung. Ob es in Oswiecim denn immer noch eine Seifenfabrik gebe, wurde Alexander Nitka einmal von polnischen Landsleuten gefragt - und er schämte sich. Ohne Grund, wie er im nachhinein findet.

Der 20-jährige Student Nitka, der früher Schwimmwettkämpfe im In- und Ausland bestritt, wohnt im Schatten des ehemaligen Lagers Auschwitz III, nur rund 500 Meter vom Ort des Schreckens entfernt - und die damit verbundenen Gräueltaten sind ein Teil seines Lebens, wie er in dem Buch „Lass uns über Auschwitz sprechen“ erzählt.

Die Journalistin Bettina Schaefer, die die Publikation herausgegeben hat, recherchierte vor Ort und führte Interviews mit Zeitzeugen und Zivildienstleistenden, Besuchern und Verantwortlichen des Auschwitz-Museums, Sozialpädagogen und Bürgern von Oswiecim und schrieb diese Gespräche nieder. So entstand das spannende und differenzierte Bild einer Stadt, die um den Aufbruch in neue Zeiten kämpft, während sie schwer an dem historischen Trauma zu tragen hat.

Der Student Nitka erklärt Schaefer gegenüber: „Es hört sich vielleicht etwas seltsam an, aber für mich ist es normal, in einer Stadt zu leben, die auf der ganzen Welt wegen des Konzentrationslagers bekannt ist. Vielleicht denken manche Leute deswegen, wir Einwohner von Oswiecim müssten die ganze Zeit traurig sein. Wir dürften weder Clubs, Diskos, noch Kino oder ein kulturelles Leben haben. Ich sage: Natürlich dürfen wir das. Wir haben eine 800-jährige Stadtgeschichte.“ Was den Studenten besonders ärgert, ist, wegen seines Wohnorts „für etwas Absonderliches“ gehalten zu werden. Man müsse zu einer Koexistenz von Vergangenheit und Zukunft finden, fordert Nitka. „Es gibt keine zweite Stadt wie diese auf der ganzen Welt. Ich meine - hier leben 41 000 Menschen.“

Einer, der sich seit vielen Jahren um die Entwicklung seiner Heimatstadt bemüht, ist Stadtpräsident Janusz Marszalek. Während seiner Amtszeit sei die Arbeitslosigkeit von 18 auf zehn Prozent gesunken, berichtet er gegenüber Bettina Schaefer. Der größte Arbeitgeber sei die Stadtverwaltung selbst mit 1800 Beschäftigten, gefolgt von der Chemiefirma (1200 Arbeitnehmer) und etwa 100 Zulieferunternehmen.

Wirtschaft

angekurbelt

In den vergangenen dreieinhalb Jahren sei die Zahl der neuen Betriebe um mehr als 1000 gestiegen - für den Stadtpräsidenten ein Zeichen dafür, wie in seiner Amtszeit die Wirtschaft angekurbelt wurde. Ein kommendes Großprojekt: Straßen und Bürgersteige werden in diesem Jahr für rund 4 Millionen Zloty saniert, was Marszalek aufgrund der zersplitterten Zuständigkeiten erhebliche Überzeugungsarbeit beim Ministerpräsidenten von Kleinpolen, der Regierung in Warschau und beim Landrat gekostet hat. Drei Jahre gingen ins Land, bis er alle von der nötigen Sanierung überzeugt hatte, wie der Stadtpräsident schildert. Es gebe Pläne diverser Investoren für Hotels in der Stadt, berichtet er und betont: „Das alles passiert in Oswiecim. Nicht in Auschwitz. In Auschwitz investiert niemand. Auschwitz ist eine Mahnung für uns alle. Aber es ist nicht die Last der Kinder, die hier geboren werden.“

Viele Facetten bergen die Gespräche, die Schaefer in dem Band aufzeichnete, der Bericht des Zeitzeugen Henryk Mandelbaum, der das Vernichtungslager überlebte, gehört zu den erschütterndsten. Ungeschönt berichtet der 2008 verstorbene Mandelbaum, der im Sonderkommando tätig war, was er alles unternahm, um mit dem Leben davonzukommen. Wie er etwa für seine Flucht Wertsachen aus dem Krematorium stahl und sich den Anzug eines vergasten Menschen nahm, um sich seiner Häftlingskleidung entledigen zu können.

Bei diesem Kampf ums Überleben war Mandelbaum 20 Jahre alt und machte damals ein „kleines Testament“: Wenn er mit dem Leben davonkäme, müsse er seine Erlebnisse erzählen. Was er dann tat. Als einer der wenigen Überlebenden des „Sonderkommandos“ gab er bereitwillig über alles Auskunft, was er miterlebt hatte.

„Lass uns über Auschwitz sprechen. Gedenkstätte - Museum - Friedhof: Begegnungen mit dem Weltkulturerbe Auschwitz“, erschienen im Brandes & Apsel-Verlag, 340 Seiten, ISBN-Nummer: 978-3-86099-391-0.



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