Von Christoph Forsthoff, 12.01.10, 21:38h
Nein, diese Episode taucht in der Biografie David Garretts heute nicht mehr auf. Denn im konservativen Klassikgeschäft sind Rebellen nicht wirklich gefragt. Selbst im Fall des Pop-Paganinis, der wahlweise als „bestaussehender“ oder „schnellster Geiger der Welt“ („Hummelflug“ in 65,26 Sekunden) annonciert wird. Stattdessen pflegt der groß gewachsene, attraktive Twen heute das Image des Künstlers, der nach anderthalb entbehrungsreichen Jahrzehnten als Wunderkind seine Karriere selbst gestaltet.
Schon als Vierjähriger hatte David eine Geige in die Hand genommen, mit zehn gab er sein Konzertdebüt, schloss 1994 als jüngster Solist einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon. Italien-Tournee mit Abbado, Auftritte in ganz Europa und Japan, mit Mehta, Eschenbach und Sinopoli, schließlich mit 15 Jahren die Einspielung der höllisch schweren Paganini-Capricen. Als er 17 war, streikte der Körper: Bandscheibenvorfall, Tennisarm, ein eingeklemmter Wirbel und eine antrainierte Fehlhaltung: Unerträglich waren die Schmerzen in der linken (Griff-)Hand zuletzt gewesen - erwachsen aus sieben Stunden Üben am Tag und bis zu 80 Konzerten im Jahr.
Nachdem Bayern-Doc Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt dafür gesorgt hatte, dass Garrett wieder beschwerdefrei aufspielen konnte, ging der gebürtige Aachener nach New York. Löste sich von seinen Eltern und begann an der Juilliard School zu studieren. Nahm Unterricht bei den besten Lehrern: Isaac Stern, Itzak Perlman, Dorothy Delay. Stunden bei Ida Haendel und Zakhar Bron in Europa schlossen sich an. Nur konzertieren mochte der Deutsch-Amerikaner nicht mehr - und als er wieder mochte, wollten ihn Veranstalter, Agenturen, Plattenfirmen nicht mehr.
Doch Garrett fand den Weg zurück in die Konzertsäle. Dass er dabei die Inszenierungs-Erfahrungen seiner Model-Zeit ebenso zu nutzen weiß wie TV-Auftritte bei Stefan Raab, stößt manchem Klassik-Puristen mindestens so auf wie der Event-Charakter seiner Hallen-Tourneen mit Orchester und Band: Kreisende Scheinwerfer und Teenie-Gekreische wie bei Boy Bands, wenn sich David in Jeans, Nietengürtel und Sakko, schwerer Kette samt Kreuz und schwarzem Hut durch die Arenen fiedelt. Mit einem Programm, das Michael Jacksons „Smooth Criminal“ mit Klassik-Radio-kompatiblen Eigenkompositionen und einem aufgedonnerten Arrangement von Bachs „Air“ verbindet.
„Das ist eine ganz lockere Veranstaltung mit einer ziemlich bunten Mischung“, pflegt der 29-Jährige sein Publikum zu begrüßen. Und überhaupt: Habe nicht schon Jascha Heifetz Stücke mit Bing Crosby eingespielt? Am Ende zähle doch, dass viele junge Menschen in seine Konzerte kämen und sich für klassische Musik begeisterten. So wie seine Freunde in New York, die nach einem Streifzug durch die Clubszene ihn morgens um vier bitten würden, seine „San Lorenzo“-Stradivari auszupacken - „meistens improvisiere ich dann etwas...“
Ob das reicht, auch bei der Kritik Gnade zu finden? Garrett müht sich darum mit klassisch durchsetzten Programmen wie jetzt in Köln mit der Staatskapelle Weimar - und schwärmt doch von seinen Crossover-Projekten. Sein Erfolgsgeheimnis? „Mein Perfektionswahn ist einer gewissen Gelassenheit gewichen, und ich habe über das Herz einen neuen Zugang zur Musik gefunden.“
15. Januar. Lanxess Arena Köln. 20 Uhr, Karten 36,50-64 Euro 0221 / 2801.
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22. April 2012,
E-Werk Köln