Von STEFAN CORSSEN und MICHAEL LENZEN, 23.01.10, 07:06h
Erkenntnisse der
Neurowissenschaft
Zu den Befürwortern von längeren Unterrichtseinheiten gehört Lüder Ruschmeyer, der Leiter der Lindlarer Realschule: Wir haben zu Beginn des Schuljahres einen Diskurs eröffnet zu diesem Thema, wir wollen in allen Gremien, unter den Kollegen, mit Schülern und mit den Eltern, ergebnisoffen über eine andere Taktung diskutieren. Dazu will sich die Realschule auch Experten von außerhalb ins Haus holen. Ruschmeyer: Es ist unter Neurowissenschaftlern heute unstrittig, dass eine Abfolge von sechs oder sieben verschiedenen Fächern hintereinander an einem Tag den Lernerfolg nicht fördert, sondern kontraproduktiv ist.
Dauert eine Unterrichtsstunde dagegen 60 oder 90 Minuten, haben die Schüler weniger Fächer an einem Tag, in Doppelstunden kann der Stoff vertieft werden. Methodische Alternativen zum Frontalunterricht wie Lernen in Stationen oder Projektarbeit sind im herkömmlichen 45-Minuten-Modell nur schwer zu realisieren. Weniger Stunden an einem Tag bedeuten für die Schüler, dass sie weniger Schulbücher in den Ranzen packen müssen, die Tornister werden leichter. Weniger Fächerwechsel sollen zu mehr Ruhe im Schulalltag führen.
Auch die Lehrer könnten von neuen Taktzeiten profitieren. Ruschmeyer rechnet vor: Wenn ein Lehrer sechs Stunden in sechs verschiedenen Klassen unterrichtet, dann hat er rund 180 Schüler - und auf jeden Einzelnen soll er sich individuell einstellen. Das führt zu einer völligen psychischen Überlastung. Doch der Schulleiter weiß, dass längere Stunden nicht überall auf Gegenliebe stoßen. Oft wird ins Feld geführt, dass häufige Wiederholungen für den Lernerfolg wichtig seien. Das stimmt so nicht. Und auch das Argument, weniger, aber dafür längere Stunden würden zu weniger Hausaufgaben führen, kann Ruschmeyer nicht nachvollziehen. Wenn ich als Lehrer die Schüler nicht mehr viermal, sondern nur noch zweimal in der Woche unterrichte, dann kann ich etwas mehr aufgeben, die Schüler haben ja mehr Zeit zwischen den einzelnen Stunden.
Ob die Realschule aber tatsächlich auf 60 oder 90 Minuten umstellt, ist noch offen. Für den März ist eine Lehrerkonferenz zu diesem Thema angesetzt, im Mai soll die Schulkonferenz aus Lehrern, Eltern und Schülern entscheiden. Der Schulleiter möchte zumindest für ein halbes oder ein ganzes Jahr ausprobieren, ob sich längere Unterrichtseinheiten im Schulalltag bewähren.
An der Lindlarer Hauptschule sieht Schulleiter Robert Wagner keinen dringenden Handlungsbedarf: Gut die Hälfte des Unterrichts findet bereits in Doppelstunden statt. Doch wir sind an den Ergebnissen der Realschule sehr interessiert und stimmen uns ab. Ein Umstellung auf 60 Minuten soll auch am Lindlarer Gymnasium diskutiert werden. Schulleiter Ulrich Güth: Wir haben zum Teil schon Doppelstunden. Die dritte und vierte Stunde ist bei uns immer eine Doppelstunde, für die anderen Stunden ist dies möglich.
Kein Thema ist die Verlängerung der Unterrichtszeit derzeit am St. Angela-Gymansium Wipperfürth. Schulleiter Walter Krämer sieht mehr Probleme als Vorteile. Vor allem Schüler der Klassen fünf und sechs könnten sich maximal 20 Minuten konzentrieren. Mit Einführen von neuem Stoff und Wiederholen seien 45 Minuten ausgefüllt. Für mehr reiche die Konzentration nicht. Auch das Umsetzen der jetzigen Doppelstunden auf den Stundenrhythmus sei kompliziert.
Epochenunterricht
als Alternative
Uwe Christian Brandt, Leiter des Wipperfürther Berufskollegs, hat sich mit diesem Thema noch nicht intensiv beschäftigt. So ist seine Haltung auch indifferent. Die Frage, sei was mit einer Verlängerung der Unterrichtsstunden erreicht werden solle. Organisatorisch sei das für das Berufskolleg nicht einfach. Schon jetzt gebe es verkürzte Pausen und keine Mittagspausen, damit die Schüler, die bis zur zehnten Stunde Unterricht hätten, auch noch nach Hause kämen. Das Einzugsgebiet sei groß und reiche bis nach Bonn.
Wir sind schon ein paar Schritte weiter, meint Maik Abshagen, Leiter der Konrad-Adenauer-Hauptschule in Wipperfürth. In den Kernfächern haben wir Epochenunterricht. So könne man drei Wochen lang gezielt ein Thema bearbeiten und dies eben mehrere Stunden hintereinander. Sechs verschiedene Fächer am Tag hält er dagegen nicht für sinnvoll.
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