Von Christina Hasselhorst, 26.01.10, 11:50h
Was nicht verhindern konnte, dass hundert Jahre danach Adolf Hitler die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines römischen Diktators zu seiner Lieblingsoper erkor. Seitdem wurde das Werk selten, meist konzertant gegeben. Doch die Deutsche Oper holte sich „Nordwand“-Regisseur Philipp Stölzl. Er kürzte für sein erstes Berliner Heimspiel den Schinken gleich mal von 5 ½ auf 2 ½ Stunden.
Die im Rom des 14. Jahrhunderts spielende Geschichte versetzt er in die 1940er Jahre, zeigt eine parabelhafte Melange aus Hitler und Mussolini, Germania und Rom, Volksmassen in schwarzen Uniformen und blonde Frauen mit Zöpfen. Man kann diesen Regieansatz mögen oder ablehnen. Doch wie Stölzl seine Idee stringent, spannend und in strenger Schwarz-Weiß-Ästhetik überwältigend umsetzt, das ist fulminant.
Zu Beginn der Ouvertüre blickt das Publikum in die feudale Berghütte des Obersalzbergs, sieht per Filmprojektion das berühmte Alpenpanorama. Rienzi (Torsten Kerl) dirigiert mit, umarmt auf dem Schreibtisch tänzelnd die auf der Leinwand schwebende Weltkugel - Chaplins „Der große Diktator“ lässt grüßen. Dann zeigt sich Rienzi als Demagoge, mit großen Gesten wird er im Stil alter NS-Ufa-Wochenschauen auf die riesige Leinwand gebannt. Auch die Architektur der gigantischen Germania-Utopie wird projiziert. Mit dem Modell spielt Rienzi zum bitteren Finale, wenn im Führerbunker der Untergang droht. Auch die Love Story fehlt nicht: mit der inzestuösen Liebe Rienzis zu seiner Schwester Irene, die wiederum den Sohn eines Erzrivalen liebt, Adriano. Eine Hosenrolle, mit der Kate Aldrich zu Recht den größten Beifall für ihre luxuriös gesungene Partie bekam. Auch Camilla Nylund als Irene präsentiert einen eleganten hochdramatischen Sopran. Torsten Kerl steigert sich und wird dem Anspruch eines Heldentenors mit Inbrunst gerecht.
Die Hauptrolle jedoch spielt der bravouröse Chor. Denn es ist das Zusammenspiel gigantischer Chor-Szenen mit einer Musik, die durch melodische und rhythmische Bombastik beeindruckt, der aber noch die Leitmotivik fehlt. Der eingesprungene Dirigent Sebastian Lang-Lessing jagte mit Furor durch die Partitur. Ein derart hitziges Buh-Bravo-Gefecht um den Regisseur gab es in dem Hause lange nicht mehr. Aber nun ist Wagners Jugendsünde“ wenigstens wieder auf Niveau diskussionswürdig.
Vorstellungen 30. Januar, 7. und 10. Februar, 5. und 11. April. Karten-Tel. 030-343 84343.
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22. April 2012,
E-Werk Köln