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Abschied vom Klassenzimmer

Von STEFAN CORSSEN, 06.02.10, 07:06h

Wenn Erdkundelehrerin Ivonne Knobloch bislang in die Klasse kam, stellte sich die Frage „wo ist der Overheadprojektor, wo die Folie?“. Kaum war die Stunde zu Ende,...

LINDLAR / WIPPERFÜRTH. Wenn Erdkundelehrerin Ivonne Knobloch bislang in die Klasse kam, stellte sich die Frage „wo ist der Overheadprojektor, wo die Folie?“. Kaum war die Stunde zu Ende, hetzte sie mit ihren Unterrichtsvorbereitungen in der prall gefüllten Aktentasche zum nächsten Klassenzimmer - fünf Minuten Pause sind nicht viel. Mit Schuljahresbeginn aber hat sich an der Lindlarer Realschule einiges geändert. Zunächst versuchsweise für ein Jahr setzt die Schule auf das „Lehrerraumprinzip“. Nicht mehr die Lehrer wechseln zwischen den Räumen hin und her, sondern die Schüler.

Für Knobloch liegen die Vorteile auf der Hand. In ihrem Zimmer hat sie alle Materialien griffbereit, die schweren Atlanten liegen im Regal, gleich daneben steht ein Globus. Für ein bisschen Gemütlichkeit sorgt ein Aquarium, dank Wasserkocher kann sich die Pädagogin zwischen zwei Stunden einen Tee kochen. Und in Freistunden bereitet sie an ihrem PC in ihrem Zimmer ungestört den Unterricht für den kommenden Tag vor.

„Es geht viel

weniger kaputt“

Ihre Kollegen Sabina Bamberger und Marco Zago sind von dem neuen Modell ebenfalls angetan. Neu ist es allerdings nur in Deutschland, in den skandinavischen Ländern etwa gibt es feste Lehrerzimmer schon viel länger. „In den Zimmern geht viel weniger kaputt, weil ja immer ein Lehrer da ist“, so Bamberger. „Viele Bücher schaffen wir doppelt an, die Schüler können ihre Bücher zuhause lassen. Manche kommen jetzt mit einer Handtasche in die Schule.“ Sechstklässler Lukas Braun stimmt ihr zu. „Früher wog mein Ranzen oft zehn Kilo, jetzt sind es höchstens fünf.“

Belinda Brochhaus und Stina Wirth besuchen beide die 10. Klasse. „Man lernt die Schule viel besser kennen, wenn man die Zimmer häufig wechselt“, sagt Belinda. „Und die meisten Räume sind von den Lehrern super gestaltet, es gibt Pflanzen - da kann man sich viel besser konzentrieren.“ Es gibt allerdings auch Lehrer, deren Zimmer sehen genauso kahl aus wie bisher. Was ein Lehrer aus seinem Raum macht, liegt an ihm.

Doch das Lehrerraumprinzip hat nicht nur Vorteile: „Am Anfang war es ein bisschen schwer, die Räume zu finden“, erzählt Lukas. Und Stina beklagt, dass es eng wird, wenn man erst mit dem Ertönen des Schulgongs einpackt und beim nächsten Gong schon wieder auspacken muss. „Auf die Toilette schafft man es dann nicht mehr.“ Dass die Klassen mit dem Lehreraumprinzip kein richtiges Zuhause mehr haben, finden die beiden Zehntklässlerinnen dagegen nicht schlimm.

Auch die Lehrer sehen ein paar Nachteile: Wer keine volle Stelle hat, muss sich sein Zimmer mit einem Kollegen teilen, Sportlehrer und Biologielehrer gehen ebenfalls leer aus. „Diese Kollegen sind nicht so glücklich“, weiß Knobloch. Und Sabina Bamberger berichtet, dass ihr Zimmer direkt neben dem Musikzimmer liegt. „Dort lernen alle Schüler Flöte.“

Zwei andere Befürchtungen hätten sich dagegen nicht bewahrheitet, so die beiden Lehrerinnen. „Wir hätten gedacht, dass es viel Geschubse gibt, wenn 500 Schüler gleichzeitig die Räume wechseln.“ Auch der Austausch der Lehrer untereinander leide nicht. „Eher im Gegenteil“, findet Marco Zago: „Die Kommunikation im Lehrerzimmer ist entspannter geworden.“ Die Entscheidung, ob das Lehrerraumprinzip dauerhaft eingeführt wird, trifft im Sommer die Schulkonferenz. Dort sind Lehrer, Eltern und Schüler vertreten.

An der Wipperfürther Realschule ist diese Wahl bereits gefallen. Nach zweijähriger Probezeit mit Lehrerräumen entschied man sich für den Abschied vom Klassenzimmer.



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