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Olympia 2010

Angst vor dem „Ananas-Express“

Von Joachim Schmidt, 08.02.10, 21:39h

Die XXI. Olympischen Winterspiele in Vancouver beginnen bald. Während in der 620.000-Einwohner-Stadt von Winter nicht viel zu sehen ist, schneit es in dem 125 Kilometer entfernten Skiort Whistler, wo die alpinen und nordischen Wettkämpfe stattfinden.

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Zwei kleine Fans freuen sich auf die Winterspiele. (Bild: dpa)
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Zwei kleine Fans freuen sich auf die Winterspiele. (Bild: dpa)
Zur „schönsten Stadt von Nord- und Südamerika“ haben die Leser eines großen britischen Reisemagazins die Olympiastadt gewählt, und das bereits vier Mal. Ein weltweit angesehenes Wirtschaftsblatt stuft Vancouver als „lebenswerteste Stadt der Welt“ ein; seit 2003 übrigens jedes Jahr. Und in der Fachzeitschrift „Food & Wine“ wird das Restaurant des Hotels Four Seasons zu den weltweit besten gezählt.

Schöne Aussichten also für die Sportler und Besucher der XXI. Olympischen Winterspiele, die am frühen Samstagmorgen MEZ eröffnet werden. Das andere Extrem dieser erst vor 124 Jahren gegründeten 620 000-Einwohner-Stadt - weitere 1,6 Millionen wohnen im Umland - nennt Peter Van Loan: „Vancouver ist die Stadt mit den meisten Banden des organisierten Verbrechens in Kanada.“

Nach Angaben des Ministers für öffentliche Sicherheit ist die Kriminalitätsrate hier die höchste des Landes. Diesen traurigen Spitzenplatz - sogar für ganz Nordamerika - nimmt Vancouver auch in der Statistik der Drogenabhängigen und der Wohnungslosen - bezogen auf die Einwohnerzahl - ein.

Durchschnittlich mehr als ein Mord pro Woche, Dutzende von Schießereien, das ist die Normalität. Häufig geht es um Drogen. Die werden von Mexiko über den Pazifik nach Vancouver verschifft. Um während der gut zweiwöchigen Zeit der Winterspiele für Ruhe zu sorgen, sollen gut 16 000 Polizisten, Militär und private Sicherheitskräfte die Wettkampfstätten und die Touristenzentren bewachen.

Deshalb, und wegen der latenten Terrorangst, wurde der ursprüngliche Sicherheitsetat auf zuletzt gut eine halbe Milliarde Euro verfünffacht. „Kein Gast muss sich Sorgen machen“, versucht Kanadas Premierminister Stephen Harper das Problem klein zu halten.

Während der Politiker hier einen gewissen Einfluss nehmen kann, ist ihm dies in einem anderen Fall unmöglich - beim Wetter. Das aber zeigt sich im Februar oft von seiner schlechtesten Seite. So weist die Statistik der letzten Jahre im Schnitt 16,3 Regentage für den kürzesten Monat des Jahres in Vancouver aus. Verantwortlich dafür sind subtropische Luftströmungen, die milde und feuchte Luftmassen von Westen heranführen. Dieses Phänomen nennen die Einheimischen „Ananas-Express“, weil die pazifische Strömung aus der Region um Hawaii kommt, wo bekanntlich große Ananas-Anpflanzungen bestehen.

„Das wird vom Wetter her spannend und für alle eine Herausforderung“, sagt Jörg Kachelmann. Das Spektrum sei breit und reiche von Schneefall auf Meereshöhe über Regengüsse bis hin zu sonnigem Vorfrühlingswetter. Am wenigsten, so der ARD-Wetterexperte, könne man in Vancouver selbst die weiße Pracht gebrauchen. „Das hat da einen ähnlichen Effekt auf den Verkehr wie in Köln“, beschreibt Kachelmann.

In den letzten Tagen hatte es in der Küstenstadt immer wieder nur leichte Regenschauer bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt gegeben, und so soll es zunächst auch bleiben. In den Bergen, im rund 125 Kilometer nördlich und nur 600 Meter hoch gelegenen Whistler - das Skigebiet geht auf über 2000 Meter - schneit es dagegen. Der mondäne Wintersportort mit seinen gerade einmal 10 000 Einwohnern - aber zwei Millionen Ski-Touristen pro Jahr - bildet das Herz der Spiele. Hier finden die alpinen und nordischen Wettkämpfe sowie die Entscheidungen auf der Kunsteisbahn statt.

Die gilt unter den Experten als gefährlichste Eisröhre der Welt. Von den Gastgebern wird sie als „schneller, steiler und intensiver“ als jeder andere Eiskanal als Superlative dargestellt. Das verharmlost die schlimmen Unfälle, die selbst erfahrenen Bob-Piloten hier bei den Testwettkämpfen widerfuhren. Daraufhin wurden Entschärfungen an dem 61 Millionen Euro teuren Neubau vorgenommen, über deren Erfolg die Meinungen indes auch geteilt sind.

Die teuerste für die Olympischen Spiele errichtete Sportstätte ist das Richmond Oval im gleichnamigen Vorort von Vancouver. In dem 105-Millionen-Euro-Bau ist das Eisschnelllauf-Oval untergebracht. Nach der einmaligen Nutzung wird die Halle zur Multifunktionsarena und einem Gemeindezentrum für die Einwohner von Richmond umgebaut.

So besitzt die Halle wenigstens auch weiter einen Nutzen. Ebenso ist es mit dem in Küstennähe gelegenen Olympischen Dorf geplant. Die 1100 Einheiten sollen als Eigentumswohnungen mit bis zu 165 Quadratmetern Wohnfläche verkauft werden. Nur zu welchem Preis? Denn die Baukosten sind geradezu davongelaufen. Zunächst mit 500 Millionen Euro veranschlagt, geht man heute von über 800 Millionen Euro aus. Zwischenzeitlich musste die Provinzregierung mit über 275 Millionen Euro einspringen, damit die als ökologisch nachhaltig eingestufte Anlage überhaupt fertiggestellt wurde.



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