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Theater

Alle Helden stehen im Regen

Von Günther Hennecke, 08.02.10, 20:43h

Regisseur Stephan Rottkamp zeigt Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" im Düsseldorfer Schauspielhaus. Bei der Inszenierung tropft es unaufhörlich von der Decke. Sie zeigt eine trostlose Welt. Und doch auch von schöner Melancholie.

DÜSSELDORF. Reisende wissen es: Es ist schwül im tiefen Süden der USA. Dass es in New Orleans aber dauerregnet, die Wassermassen in Sturzbächen durch die Decke sickern, ist freilich neu. Im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspiels muss man zudem um die Gesundheit der Darsteller bangen: Kleidung und Bett sind mehr als feucht, sie selbst nass bis auf die Haut. Stephan Rottkamps Inszenierung von Tennessee Williams' „Endstation Sehnsucht“, von Bühnenbildner Robert Schweer in tristes Einheitsgrau getaucht, mit Matratzen und einer Treppe zu Eunices (Pauline Knof) und Steves (Denis Geyersbach) Zimmer im Obergeschoss ausgestattet, erinnert an Noahs Arche.

Hier wird freilich nichts vor Fluten gerettet, hier gehen alle baden: Sie verlieren zunächst ihre Contenance, dann ihr Ich, Blanche alle Hoffnung. Wer Elia Kazans Filmversion vor Augen hat, erinnert sich unschwer an die virile Potenz Marlon Brandos und Janet Leighs Verletzlichkeit. Rottkamp lässt sich dadurch wenig beirren, nimmt neue Fährten auf und treibt in New Orleans' Dauernässe die Menschen in gut nachvollziehbare Psychodramen.

Sicher hat er dabei auch die von Tief Katrina 2005 verursachte Katastrophe der schwarzen Stadt im Mississippi-Delta vor Augen, unter deren Folgen die Menschen noch heute leiden. Wie Stella (unangestrengt in ihrer Hörigkeit: Tanja Schleiff) und Schwester Blanche (Janina Sachau), deren Namensbedeutung, Weiß, längst im Grau eines falschen Lebens verloren ging. Den Lehrerinnen-Job hat sie wegen Verführung eines Schülers verloren, ihre Einsamkeit in wahllosen Männerbekanntschaften ertränkt und tritt nun, auf der Flucht vor der Vergangenheit bei Schwester Stella gelandet, als Unschuldsengel auf.

Doch da ist Sexprotz Stanley (Wolfram Rupperti) vor. Er wird sie nicht nur entlarven, er wird sie vergewaltigen und in den Wahnsinn der Realität treiben. Die Lebensernte aller ist bitter. Darüber täuschen auch nicht die süßen Trauben hinweg, die sich die Frauen zum Schluss in den Mund schieben. Janine Sachau, zu Beginn noch unentschieden, scheu und bigott die zupackende Sinnenfreude von Schwesterchen und Proleten-Gatten beobachtend, läuft mit der allmählichen Entblätterung ihrer Lebenslüge zu großer Form auf.

Das Mädchen aus gutem Hause wächst zu einer Frau heran, deren Bekenntnisse ihr Leben klären und zugleich in den Wahnsinn treiben. Sie tut's als Clown, geschminkt wie ein Hofnarr. Sie ist „zur Ruhe gekommen“. Im Klima dieser „regnerischen Nachmittage“, in denen sie nun „ein kleines Stück Ewigkeit“ entdeckt: „Ich will keinen Realismus, ich will Zauber.“

Ununterbrochen regnet es weiter. Feuchte kriecht in alle Ritzen. Wasser tropft von der Decke auf Boden, Betten, Kleidung. Eine trostlose Welt. Und doch auch von schöner Melancholie.

3 Stundeninkl. Pause, Die nächsten Aufführungen am 23., 24. Februar; 4., 10., 22., März; Karten 0211 - 36 99 11.



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