Von Hartmut Wilmes, 08.02.10, 20:43h
Leben und Sterben, Glauben und Wissen
Schneidiger Erfolgsmensch gegen bangen Grübler - dieses Duell kennt man bei Martin Walser aus etlichen Romanen und seinem genialen „Fliehenden Pferd“. Dessen Echo hallt nun durch das jüngste Werk „Mein Jenseits“, das bei der Arbeit zum künftigen Roman „Mutter Sohn“ entstand und erneut die Novellen-Künste des Autors (82) beweist.
Mit beiläufiger Brillanz zaubert Walser eine seltsam beschwingte Daseins-Sonate aufs Papier: Leben und Sterben, Glauben und Wissen, Liebe und Verzweiflung - das alles perlt schwerelos, oft komisch ineinander. Klar, gegen den „Lebensglanz-Experten“ Bruderhofer ist Feinlein ein blassgrauer Niemand - aber mit schöner Boshaftigkeit gesegnet. So kommentiert er bissig die ignorant auftrumpfenden Postkarten, die dieser „Hart-am-Wind-Segler“ von kulturgesättigten Gestaden schreibt. Feinlein selbst wühlt sich derweil durch die letzten Dinge. Sein Jenseits - das ist einerseits Rom mit Caravaggios Madonnenbild in der Basilika San Agostino, andererseits die Liebe zu Eva Maria.
Daran klammert er sich, obwohl er für die seit Studententagen Angebetete nie in Frage kam. Erst wählte sie einen Grafen, der dann in der Eiger-Nordwand erfror, danach ausgerechnet Bruderhofer. Und doch schreibt sie Augustin, dass sie ihn immer lieben werde. Walser schlägt eine elegante Brücke von religiösen Glaubensleistungen zu Feinleins Liebes-Frömmigkeit: „Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Aber dann schon.“ Denn „Glauben heißt, Berge besteigen, die es nicht gibt.“ Dies wiederum ist eine Erkenntnis von Augustins Vorfahr, der letzter Abt von Kloster Scherblingen und Reliquien-Experte war. Und dieser Eusebius fand es für den Akt des Glaubens einerlei, ob Reliquien echt seien oder nicht. Somit ist es für Feinlein auch unwichtig, ob Eva Maria ihn liebt.
Erhabenes und Närrisches, Spott und Not („Ich habe gelernt, so leise zu schreien, dass ich mich selbst nicht mehr höre“) wohnen in diesem kurzen Text Tür an Tür. Und wann immer Walser zum Sentenzen-Drechsler zu werden droht, zieht er die Schraube im Ärzte-Zweikampf an: Wenn Bruderhofer dem auf erotische Niederlagen abonnierten Konkurrenten an Silvester auch die Sekretärin ausspannt, ist das ein meisterhaft inszeniertes Kammerspiel-Fiasko. Danach verübt der Gedemütigte ein Attentat auf den regionalen Reliquienkult, das nur in der einleuchtend verqueren Logik dieses Buchs Sinn ergibt. Für Augustin, den bewusst in die Irre gehenden Psychiater, ist längst klar, dass nicht Vernunft sein Jammertal bewohnbar macht. Wie also überleben? „Glauben, was nicht ist. Dass es sei.“
Martin Walser: Mein Jenseits. Novelle. Berlin University Press. 119 S., 19,90 Euro.
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