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Concorde-Katastrophe

Die Suche nach Schuldigen

Von Hans-Hermann Nikolei und Sabine Vogel, 02.02.10, 16:08h, aktualisiert 02.02.10, 21:45h

Haben sich Techniker der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht? Knapp zehn Jahre nach dem Absturz einer Concorde mit 97 Deutschen an Bord hat in Pontoise der Prozess gegen die mutmaßlichen Verantwortlichen der Katastrophe begonnen.

Concorde-Absturz
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Der Absturz der Concorde: Der brennende Jet riss 113 Menschen in den Tod, darunter 96 Deutsche und ein Österreicher. (Bild: dpa)
Concorde-Absturz
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Der Absturz der Concorde: Der brennende Jet riss 113 Menschen in den Tod, darunter 96 Deutsche und ein Österreicher. (Bild: dpa)
PONTOISE/PARIS - Der Traumflug nach New York mit der Concorde endete für 97 deutsche Urlauber in einem Inferno. Kurz nach dem Start in Paris stürzte der Überschalljet brennend in ein Hotel. Fast zehn Jahre danach hat gestern bei Paris der Prozess gegen die mutmaßlichen Verantwortlichen der Katastrophe begonnen, die das Ende der Überschall-Ära im Flugverkehr einläutete. Das Verfahren droht im Expertenstreit zu versinken. Zwei mit 534 Beweisstücken belegte Versionen des Unfallhergangs stehen sich gegenüber. Dabei gerät auch die Glaubwürdigkeit der Experten der französischen Flugaufsichtsbehörde DGAC ins Visier. Angeklagt sind die US-Fluglinie Continental Airlines und zwei ihrer Techniker, ein Ex-Mitarbeiter des DGAC und zwei Verantwortliche des Concorde-Programms des Herstellers Aérospatiale.

Die Concorde der Air France war am 25. Juli 2000 vom Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle gestartet. An Bord waren 100 Passagiere sowie neun Besatzungsmitglieder. Schon vor dem Abheben fing das schlanke Flugzeug Feuer. Der Pilot versuchte, auf dem wenige Kilometer entfernten alten Flughafen Le Bourget zu landen. Doch auf halbem Wege raste das Flugzeug in Gonesse mit einem riesigen Feuerschweif in ein Hotel. 113 Menschen starben in den Trümmern, darunter vier aus dem Hotel. Das Grundstück, auf dem das Haus einst stand, sollte in der letzten Woche zwangsversteigert werden - doch kein Interessent meldete sich.

Die Richter müssen nun entscheiden: Warum wurde der Tank aufgerissen - und wann? Für die Unfallermittler ist die Sache klar: Beim Start rollte die Concorde über eine Metall-Lamelle, die von einer alten DC-10 der US-Fluggesellschaft Continental abgefallen war. Die Lamelle war bei der Reparatur des Schubumkehr-Mantels offenbar unsachgerecht an die DC-10 angebracht worden. Und sie war aus dem falschen Material: steifem Titan. Die Folgen waren tödlich: Ein Reifen der Concorde platzte, Reifenteile durchschlugen den im Flügel eingebauten Tank und der ausströmende Treibstoff fing Feuer. Ist also Continental Schuld?

Alles Unsinn, sagt der von Continental engagierte Staranwalt Olivier Metzner. Die Concorde habe schon 800 Meter vor der Stelle gebrannt, wo die DC-10 das Metallstück verloren hatte. Dafür gebe es Dutzende Augenzeugen. Der Reifen soll zerfetzt sein, als die Concorde über eine - nach dem Unglück eingeebnete - Bodenstufe in der Rollbahn fuhr. Oder ein Wasserabweiser habe sich vom Fahrwerk gelöst und den Tank durchschlagen. Nach dieser Version trägt Air France große Schuld. Deren Techniker hätten beim Warten der Concorde vergessen, einen Ring zwischen den Rädern zu montieren, der das Flattern der Reifen beim Start verhindern soll. Außerdem sei das Flugzeug überladen gewesen. Der Stoß von der Bodenstufe habe den Rest besorgt.

In 24 Betriebsjahren vor dem Unfall hatte es immerhin 65 Vorfälle mit den Reifen oder Rädern gegeben. In sechs Fällen wurden die Tanks von Trümmerteilen beschädigt, ohne dass es zu Bränden kam. Im Juli 1979 war eine Concorde in Washington nur knapp einer Katastrophe entgangen: Sie konnte mit durchgeschlagenem Tank nach dem Start sicher landen, weil der auslaufende Treibstoff nicht Feuer fing. Daraufhin prüfte das DGAC, ob die Tanks gegen Schläge verstärkt werden müssten. Doch nichts geschah - bis zur Katastrophe von Gonesse. Probleme seien damals totgeschwiegen worden, sagte der frühere Concorde-Kopilot Richard Pauperoux.

Jetzt soll die Wahrheit auf den Tisch. Das Urteil wird im Herbst erwartet. Mehr als 150 Journalisten von Japan bis Kanada verfolgen das Gerichtsspektakel. Dagegen kamen nur wenige Hinterbliebene: Die meisten hatten mit einer Entschädigung auf eine Nebenklage verzichtet. Etwa 700 Angehörige der Opfer des Flugs AF 4590 einigten sich bereits kurz nach der Katastrophe mit Air France und ihrer Versicherung - Schätzungen zufolge sollen 173 Millionen Euro geflossen sein. Doch es gibt auch andere Betroffene. Eine Polin, die in dem Hotel gearbeitet hatte, erklärte, sie sei traumatisiert. Sie könne nicht mehr in ein Flugzeug steigen und habe den Beruf gewechselt. „Ich bin froh, dass nach zehn Jahren Stille jetzt endlich wieder über das Unglück geredet wird“, sagte sie.

Die Reederei Deilmann aus Neustadt in Holstein wollte gestern nichts zum Verfahren sagen. Ihre deutschen Gäste waren auf dem Flug nach New York gewesen, um mit dem Kreuzfahrtschiff „Deutschland“ in die Karibik zu fahren. In dreieinhalb Stunden sollten sie in New York sein - es wurde ein Flug in den Tod.



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