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„Axolotl Roadkill“

Das Leiden der jungen Wörter

Von Thomas Linden, 17.02.10, 18:07h, aktualisiert 17.02.10, 20:01h

Zuerst wurde sie hoch gelobt, dann heftig kritisiert: In ihrem Debütroman „Axolotl Roadkill“ hat Autorin Helene Hegemann Texte aus Blogs benutzt. Doch mit ihrem brisanten Mix trifft die 17-Jährige den Nerv der heutigen Medienlandschaft.

Helene Hegemann
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Jung-Autorin Helene Hegemann wird Plagiat vorgeworfen. (Bild: dpa)
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Jung-Autorin Helene Hegemann wird Plagiat vorgeworfen. (Bild: dpa)
HAMBURG –­ Das Buch ist eine Sensation. Man muss kein Prophet sein, um Helene Hegemann einen Status als Stern des Kulturbetriebs vorauszusagen. Vor einem Jahr gewann die Tochter des Berliner Dramaturgen Carl Hegemann mit ihrem Film „Torpedo“ den Max Ophüls-Preis, jetzt legt die Autorin, die morgen 18 Jahre alt wird, ihr Buch „Axolotl Roadkill“ vor, das den Nerv der Medienlandschaft trifft. Zuerst ist die Begeisterung über das belletristische Ungeheuer des Teenagers groß, dann schlagen die Wellen der Empörung hoch: Es kommt heraus, dass zahlreiche Passagen aus „Strobo“, dem Roman des Bloggers Airen, abgeschrieben wurden. Auch aus Texten von Meg Rosoff, der Gewinnerin des Deutschen Jugendbuchpreises von vor zwei Jahren, gewinnt Hegemann ähnliche Formulierungen.

Der Ullstein Verlag zahlt schnell Tantiemen und will der im Druck befindlichen vierten Auflage jetzt ein Quellenverzeichnis beifügen. Demnach hat die Autorin 20 Zitate aus „Strobo“ übernommen, 20 weitere Zitate stammen aus anderen Texten oder sind zumindest davon inspiriert. Hegemann dankt in dem Verzeichnis zahlreichen Menschen für ihre Inspirationen.

Sicher, es war viel Naivität in der Haltung von Helene Hegemann, die offenbar glaubte, durchzukommen mit ihrer gewagten Montagetechnik. Aber Unreife ist auch ihr Thema. Das „Axolotl“, ein lurchartiges Wesen, das nicht erwachsen werden mag, gibt dem Roman seinen Titel. Seine Heldin ist Mifti, ein 16-jähriges „pseudo-belastungsgeschädigtes Problemkind“, dessen Mutter gestorben ist und das seither nicht mehr zur Schule gehen mag und zunehmend in den rauschgiftgeschwängerten Nebeln der Subkultur zu versinken droht.

Paralellen zu Helene Hegemanns Biografie sind vorhanden, aber entscheidend ist, dass sich hier die Stimme einer neuen Generation zu Wort meldet. Von allen Seiten wird Material in den Roman gepackt. Flüche ziehen sich über jede Seite, absurde Sex- und Gewaltszenarien werden hierhin und dorthin gekritzelt und entlarven sich auf der Stelle als Angebereien einer 17-Jährigen. Als Motto steht über dem Roman bezeichnenderweise der Pro7-Werbespruch „We love to entertain you“. Nicht Literatur, sondern Unterhaltung ist das wichtigste Gut unserer Zeit; und um das einzulösen, ist fast alles erlaubt.

Helene Hegemann verweist nicht ohne Grund darauf, dass die Medien heute eng miteinander verschränkt seien. Tatsächlich ist es um die Autorenschaft in der Praxis nicht mehr gut bestellt. Jeder kann sich an den Texten von Schriftstellern und Journalisten im Netz bedienen. Missbrauch ist nur schwer zu kontrollieren. Vor allem jedoch legt hier ein Teenager einen wunden Punkt frei: Dass ein Roman heutzutage noch auf gedrucktem Papier erscheint, muss nämlich keineswegs heißen, dass er im Grunde nicht auch ein Produkt des Netzes ist. Ein großer Teil der Unterhaltungsliteratur ist bis in die Formulierungen hinein aus Material zusammengebastelt, das aus dem Netz stammt und dessen konfettileichten Info-Strukturen folgt.

Viele Romane leben nicht mehr von einer wuchtigen Erzählerstimme, sondern bestehen aus mehr oder weniger geschickt verknüpften Versatzstücken. Helene Hegemann verfügt da schon über Qualitäten. Ihr Roman besitzt Verve und schlagenden Humor. Stellenweise brillant macht sich die Erzählerin lustig über bildungsbürgerliche Vorstellungen von Kindheit, Therapie und Umweltschutz. Und sie stellt eine pseudo-engagierte Haltung gesellschaftlicher Besorgtheit bloß, die typisch für die Generation der 68er ist. Das alles ist roh, witzig, geschmacklos, albern und blitzgescheit geschrieben: kein gutes Buch, aber eines, über das sich zu streiten lohnt.



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