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„Das Leben noch mal neu lernen“

Von GUIDO WAGNER, 09.03.10, 07:06h

„Zwei Minuten vor der Haustür würde ich heute keinen mehr überholen“, sagt Stephan Weyrich und betrachtet auf der Internetseite der Overather Feuerwehr nachdenklich die...

OVERATH. „Zwei Minuten vor der Haustür würde ich heute keinen mehr überholen“, sagt Stephan Weyrich und betrachtet auf der Internetseite der Overather Feuerwehr nachdenklich die Bilder eines total zerstörten Autos. Seines Autos. Vor drei Jahren hat der 27-Jährige noch kurz vor seinem Heimatort Heiligenhaus überholt, ist von der Straße abgekommen und frontal gegen einen Baum geprallt. Er kam vom Dartspielen in Wahlscheid, an mehr kann er sich nicht mehr erinnern. Nicht daran, wie er eingeklemmt im Auto lag, wie ihn die Feuerwehr herausgeschnitten hat und er mit einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik geflogen worden ist.

„Das hat mein Leben

komplett umgekrempelt“

Eins jedoch erinnert Stephan Weyrich jede Sekunde an diesen Tag im März 2007: Durch den Unfall hat er ein Bein verloren.

„Das hat mein Leben komplett umgekrempelt“, sagt der 27-Jährige und legt seine elektronisch gesteuerte Prothese ab. Sie beugt zwar unter anderem vollautomatisch das Knie, wenn der Fuß abrollt, scheuert aber am Stumpf. Zuhause trägt sie Weyrich daher nur selten, behilft sich in den eigenen vier Wänden lieber mit Krücken. „Man muss das Leben noch mal ganz neu lernen“, sagt der Sportsmann, der vor seinem Unfall lange Handball gespielt hat. Er lächelt und geht zum Küchenschrank. Rasch verstaut er ein Glas in der Hosentasche. Seine Hosen sucht er heute danach aus, wie viel in ihre Taschen passt - so hat er die Hände frei für die Krücken.

Ein Trick von vielen, mit denen sich Stephan Weyrich seinen Alltag neu organisiert hat. „Über die ganzen Folgen, die so ein Unfall hat, habe ich mir vorher und auch damals, als ich im Krankenhaus lag, gar keine Gedanken gemacht“, sagt der 27-Jährige, „auch was den ganzen Papierkram mit Versicherungen und Rentenkasse angeht.“

Weyrich hat sich nach dem Unfall nicht eingeigelt, sondern ist offensiv mit der Situation umgegangen. Bei einem späteren Krankenhausbesuch fragte er sogar in der Orthopädie nach, ob dort ein Patient mit Amputation liege. „Ich denke, es ist gut, wenn man sich möglichst früh damit auseinandersetzen kann, was alles auf einen zukommt“, sagt der junge Mann und setzt hinzu: „Am Besten wärs natürlich, es kommt gar nicht erst so weit.“

Um junge Autofahrer für die Gefahren im Straßenverkehr zu sensibilisieren, beteiligt sich der Heiligenhauser jetzt an einer Verkehrssicherheitskampagne des nordrhein-westfälischen Innenministeriums. Sein ehemaliger Sportkamerad Steffen Gräff, der bei der Polizei in Bonn arbeitet, hat den Kontakt vermittelt. In der Bundesstadt hat Weyrich eine Schulklasse besucht, die ein Theaterstück zum Thema entwickelte. „Ich war zwei Stunden in der Klasse und war fasziniert, wie ruhig die waren.“ Weyrich erzählte von seinem Unfall, stand den jungen Theatermachern Rede und Antwort und half, die Geschichte des Stücks zu entwerfen.

„Komm gut an! Sieger rasen nicht!“ lautet der Slogan der landesweiten Kampagne, in deren Zuge auch noch ein Spot mit Stephan Weyrich gedreht werden soll. Der Heiligenhauser unterstützt die Aktion mit großem Engagement - auch wenn er selbst damals „zügig unterwegs“ gewesen ist. Durch den Unfall hat er nicht seinen Führerschein verloren, was er oft gefragt wurde. Seit einer Fahrprobe für behindertengerecht umgebaute Wagen sitzt er auch wieder selbst hinter dem Steuer. So ist er auf dem Weg zur Arbeit als Kundenberater bei der LBS in Bensberg nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen, die wieder gewonnene Freiheit genießt er.

Mit einem Bein aus dem

Flugzeug abgesprungen

Ohnehin versucht er „so normal wie möglich“ zu leben. Schon wenige Tage nach der Reha ist er mit Freunden nach Holland gefahren, später unternahm mit seinem Cousin sogar eine Reise in die ägyptische Wüste - und erfüllte sich an der Nordsee einen seit Jahren gehegten Wunsch: einmal mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug abzuspringen.

Dem SSV Overath, bei dem er 13 Jahre Handball gespielt hat, ist er treu geblieben - auch wenn an eine Rückkehr auf das Spielfeld nicht zu denken war. „Aber ich wollte etwas für den SSV machen und habe das Torwarttraining in der Damen-Mannschaft übernommen.“ Auch die Traineraufgabe war Neuland für Weyrich - wie so vieles in seinem neuen Leben, in dem er zwar mit einem Bein auskommen muss, dafür aber mindestens doppelten Lebensmut ausstrahlt.



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