Von Lutz Blumberg, 11.03.10, 18:45h, aktualisiert 11.03.10, 18:45h
Margret und ihr Mann Volker (41) nehmen Kinder in Notsituationen auf. Im Amtsdeutsch heißt das „familiäre Bereitschaftsbetreuung“, und die kommt zum Einsatz, wenn Kinder schnell in Sicherheit gebracht werden müssen: Wenn die leiblichen Eltern sie schlagen, missbrauchen oder schlicht vergessen. Nestwärme statt Heimunterbringung lässt sich das Konzept übersetzen. Sechs Wohlfahrtsverbände in Bonn haben sich dafür zum „Netzwerk Kinderbetreuung in Familien“ zusammengeschlossen.
In Josuas Fall war die leibliche Mutter schlicht überfordert mit der Erziehung ihrer beiden Kinder. Als der Vierjährige schwer verhaltensauffällig wurde, entschied das Jugendamt, Margret anzurufen. Für maximal sechs Monate nehmen die „Notfallfamilien“ die Kinder in Pflege. „In dieser Zeit versuchen wir eine Lösung zu finden“, berichtet Dörthe Ewald vom Deutschen Kinderschutzbund. Sie ist im Netzwerk für die Fachberatung zuständig. „Oberstes Ziel ist es natürlich, die Kinder wieder in ihre richtigen Familien zurückzubringen“, erklärt sie. „Oft brauchen überforderte Eltern nur etwas Zeit für sich.“ Greifen die Hilfsangebote von Jugend- und Sozialämtern nicht, kann auch eine Adoption eine Lösung sein. Nur in Ausnahmefällen sollen Kinder unter zehn Jahren in ein Heim kommen.
Margret hat selbst vier Kinder zwischen fünf und 18 Jahren. Vor fünf Jahren sah sie einen Aushang beim Kinderarzt. „Wer, wenn nicht ich?“, dachte sie sich, denn Margret, selbst als elftes Kind in einer Großfamilie aufgewachsen, ist Mutter mit Leib und Seele. Vor drei Jahren wurde sie dann zum ersten Mal angerufen. „Volker und ich sind vorher auf alles vorbereitet worden“, berichtet sie. Denn die Aufgaben in der Bereitschaftsbetreuung sind nicht mit Kochen, Waschen oder Spielen erledigt. „Die Kinder sind oft sehr verstört, wenn sie in die familiäre Kinderbetreuung kommen“, bestätigt Dörthe Ewald. Dann müssen Besuche beim Arzt, Logopäden oder Kinderpsychologen organisiert werden.
Sechs Kinder haben Margret und Volker seitdem aufgenommen - in ihre Familie aufgenommen. Die Fälle sind so unterschiedlich wie die Probleme der Kinder. „Ein Kind hat in den ersten Tagen fast nur geschlafen, so erschöpft war es“, erinnert sich Margret. Auch die Erfahrung, dass jeden Tag zu geregelten Zeiten Essen auf dem Tisch steht, kennen die Kinder oft nicht. „Ein Junge hat alles Essbare regelrecht gehortet, weil er nicht wusste, wann es wieder was gibt.“
Wenn die sechs Monate vorüber sind, kommen die Kinder entweder zurück in ihre Familien, in eine Vollzeitbetreuung oder eine Adoption. Loslassen fällt Margret manchmal schwer. „Aber ich muss den Kindern gegenüber Sicherheit ausstrahlen“, sagt die 42-Jährige und ist sich sicher: „Es ist keine verlorene Arbeit.“
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