Von Hartmut Wilmes, 11.03.10, 20:05h
„Nein, ich mache keine Propaganda für die FIFA“, gibt Smith mit Blick auf die Fußball-WM lächelnd zu und erzählt, „dass mir einige Kapstädter vorwerfen, das Bild ihrer Stadt zu beschmutzen.“ Andere sind dankbar, dass endlich „jene Lebensbedingungen wahrgenommen werden, unter denen zwei Drittel der Bevölkerung leben“. Diese extremen Reaktionen bezeugen für Smith, „dass Kapstadt eben beides ist: Himmel und Hölle“. Die infernalische Seite der Stadt kannte auch der 1960 in Johannesburg geborene Smith nicht, der dort als Drehbuchautor und Regisseur Anti-Apartheidsfilme drehte. „Ich kam nach Kapstadt, als sich die Verhältnisse im Land besserten, als alles einfacher schien. Und Kapstadt ist ja ein Ort, der einen mit Schönheit verführen kann.“
Dennoch hatte Smith stets „das Gefühl, nicht die ganze Wahrheit zu kennen“. Dann verliebte er sich in eine Frau, die in den Cape Flats aufgewachsen ist, „und zwar in einem extrem gefährlichen Teil dieses riesigen Gebiets, wo Kindesmissbrauch, Raub, Mord und Drogen Alltag sind“.
Diese Sumaya de Wet öffnete ihm die Recherche-Türen zu Häftlingen und Ex-Gangstern, auch zu normalen Menschen, die in diesem Milieu überleben wollen. „Noch heute ist sie meine erste Lektorin, die mir sagt, ob die Prosa echt klingt oder nicht.“ Smith weiß also, wovon er schreibt, und er tut dies äußerst raffiniert.
Kettenreaktion von GrausamkeitenDer erste Mord in „Blutiges Erwachen“ geht aufs Konto eines weißen Ex-Models aus den USA. Diese Roxy Palmer nutzt einen chaotischen Überfall durch Ghetto-Kriminelle, um ihren verhassten Mann zu erschießen. Das Resultat ist eine rasante Kettenreaktion von Grausamkeiten. „Es war nicht ganz einfach, manche Szenen zu schreiben“, gibt der Autor zu, dem es um authentische Schocks, aber nicht um Gewalt-Pornographie geht.
Ein funktionierendes Polizei- oder Justizsystem sucht man in Smiths Büchern vergebens - „aber irgendwie wird der Gerechtigkeit doch Genüge getan, wenn auch auf oft ironisch verschlungenen Wegen“.
Tatsächlich sieht man hier einen Meister der Dramaturgie am Werk. Das Grundmuster wirkt beinahe archaisch-schlicht, denn neben Roxy steuern der gezeichnete Ex-Polizist Billy Afrika und sein psychopathischer Widersacher Piper auf einen Showdown zu. Obwohl „steuern“ schon das falsche Wort ist: In diesem Roman zappeln die Figuren wie im aufgewühlten Piranha-Becken - niemand weiß, wer als nächster zubeißt. Zumal es neben (fast) abgrundtief bösen Schurken und (fast) unschuldigen Opfern vor allem mehr oder minder zwielichtige, also äußerst unberechenbare Mitspieler gibt.
Soziale Spaltung als größtes ProblemIn der ansatzlosen Brutalität verrät Smiths Sprache durchaus Einflüsse von James Ellroy. Doch stärker hat ihn die Kunst von Elmore Leonard geprägt, unterschiedlichste Schicksalsfäden folgenschwer miteinander zu verknoten. „Ich lese zwar Detektiv-Romane in der Ich-Form gern, aber ich möchte sie nicht schreiben: Mich fasziniert eher das Gewimmel im Dampfkochtopf des Lebens.“ Politische Lektionen müssen seine Leser nicht befürchten, „weil ich kein Patentrezept gegen Südafrikas Probleme kenne. Es gibt zwar nach wie vor Rassismus jedweder Art, aber noch schlimmer ist die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich“.
Bleibt er seinem düsteren Roman-Universum treu? „Zunächst schon, denn irgendwie ist das Schreiben über diese schrecklichen Dinge für mich wie ein Exorzismus.“ Man spürt diese Dringlichkeit, und so hat schon der Erstling für Roger Smith das Ticket nach Hollywood gelöst: „Kap der Finsternis“ wird von Phillip Noyce verfilmt, Samuel L. Jackson spielt den Zulu-Ermittler Disaster Zondi. Wird Hollywood den Mut haben, die Story in voller Härte zu zeigen? „Das weiß man nie, aber diesen Leuten traue ich es zu.“
Roger Smith:Blutiges Erwachen. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Peter Torberg. Tropen Verlag, 356 S., 19,90 Euro.
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22. April 2012,
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