Von Friedemann Diederichs, 12.03.10, 20:00h, aktualisiert 12.03.10, 20:03h
Der Schock für die Unversicherten kommt Wochen später - in Form der Rechnung: Das Hospital fordert 5000 Dollar (rund 3600 Euro). Darunter 140 Dollar für die Pille, die Lettner in der Apotheke für zehn Cents hätte kaufen können. Die erboste Familie schreibt an das Krankenhaus, man einigt sich auf 2500 Dollar (rund 1800 Euro).
In Deutschland wäre selbst diese Summe undenkbar. Doch in den USA stellen sich so die Auswüchsen eines Gesundheitssystems dar, dessen Regulierung Präsident Barack Obama zu seinem wichtigsten innenpolitischen Projekt gemacht hat. Doch der Widerstand ist weiter groß: In der Bevölkerung, weil ein Teil der Amerikaner über den Arbeitgeber versichert ist und die durch eine Reform, die 31 Millionen Bürger als Neuversicherte aufnehmen soll, höhere Steuern befürchten. Und in der Medizinbranche, weil man dort ahnt, dass jenen Missständen ein Riegel vorgeschoben wird, die vor allem durch eine ungezügelte Profitgier von Kliniken geprägt ist.
Dabei gibt es die „Horrorstorys“ wie die von Manuel Lettner in den USA täglich. Eine erzählt die New Yorker Abgeordnete Louise Slaughter gerne, wenn sie für das Anliegen Obamas wirbt: Eine Frau in ihrem Wahlkreis habe jahrelang das Gebiss ihrer toten Schwester tragen müssen, weil ihre Versicherung kein eigenes zahlen wollte. Und das Gebiss habe noch nicht einmal gepasst. „Unglaublich, dass so etwas im Amerika von heute möglich ist“, beklagt die Demokratin.
Jede zweite Rechnung zu hoch
Unglaublich sind auch die Beispiele, die Cindy Holtzman zusammen getragen hat. Sie arbeitet als Beraterin für Krankenhaus-Rechnungen und prüft im Patientenauftrag, ob die Hospitäler korrekt abgerechnet haben. Ihr Job gehört zu einer trotz der Rezession boomenden Branche, denn Statistiken zufolge ist jede zweite Krankenhausrechnung überhöht - und trägt so zu einer atemberaubenden Kostenexplosion bei, die sich in den Versicherungsprämien niederschlägt.
Monatliche Zahlungen von über 1000 Dollar sind für ein Ehepaar, das nicht über einen Arbeitgeber versichert ist und freiwillig für eine Police zahlt, die Norm. Denn die Versicherer sind es, die fast immer ungeprüft die vorgelegten Arzt- und Klinikrechnungen bezahlen und damit zu einer Kultur der Verschwendung beitragen. „Geprüft wird in der Regel nur über 100.000 Dollar“, berichtet Expertin Holtzman. Und zählt haarsträubende Fälle von Wucher auf: Ein Krankenhauspatient aus South Carolina wurde mit 1000 Dollar für eine Zahnbürste zur Kasse gebeten. Eine Frau aus Georgia erhielt eine Abrechnung über 4000 Dollar für 41 Beutel intravenöser Flüssigkeit, die ihr angeblich während eines zweistündigen Aufenthaltes verabreicht wurden - doch am Ende stellte sich heraus: Es war gerade einmal ein Infusionsbeutel benutzt worden.
Teurer wird es auch, wenn in US-Kliniken das Personal Einweg- Handschuhe überstreift. Ein Paar, das im Drugstore um die Ecke für 24 Cents zu haben ist, wird gerne mit 53 Dollar abgerechnet.
Kein Wunder, dass Barack Obamas oberster Spar-Kommissar Peter Orszag durch die Reform Kostenreduzierungen von 30 Prozent in einem Land für möglich hält, das im internationalen Vergleich Ausgaben-Spitzenreiter ist - und Deutschland deutlich in den Schatten stellt: Mit jährlich rund 7000 Dollar Kosten pro Kopf übertreffen die USA den transatlantischen Partner um das Doppelte.
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