Von Thomas Linden, 12.03.10, 20:28h, aktualisiert 13.03.10, 12:26h
Herta Müller beschreibt in ihrem Text „Der fremde Blick oder das Leben ist ein Furz in der Laterne“, wie sich in Ceausescus Rumänien eine Atmosphäre des Misstrauens über den Alltag legte. Dem Friseur war ebenso wenig zu trauen wie einem LKW-Fahrer oder einem Arzt - die Schatten des Spitzeltums reichten bis vor die Haustür.
Nichts ist in einer solchen Gesellschaft so, wie es es scheint. Ein Zustand, den Herta Müller auf den Punkt bringt: „Die Einheit der Dinge mit sich selbst hat ein Verfallsdatum.“ Dass niemandem zu trauen ist, auch nicht den Passanten auf dem Platz des Himmlischen Friedens, hinter deren Touristen-Tarnung sich das Personal des Geheimdienstes verbergen kann, zeigte dann Ai Weiwei anhand eines Fotos, das er auf dem Platz gemacht hat.
Minutiös ist er dem Schicksal von 5500 Schülern nachgegangen, deren Spuren sich nach dem Erdbeben von Szechuan verloren. Die Kinder waren umgekommen, weil die Schulgebäude schlecht gebaut worden waren. Die Recherche brachte dem Autor den Vorwurf der Spionage ein; eine typische Form der Denunziation, die Herta Müller auch aus Rumänien kennt. Der Chinese hat trotzdem nicht seinen Humor und Mut verloren, wie das Kölner Publikum an diesem Abend entzückt feststellte.
Ai Weiwei hat seine Bewacher fotografiert, er fühlt mit ihnen, wenn sie zehn Stunden in der Sonne ausharren müssen. Gleichwohl hat er nur durch Glück und dank des Geschicks der Ärzte im Klinikum München jene Kopfverletzungen überlebt, die ihm die Staatsmacht zufügte. Ai Weiwei zeigte nun die Aufnahmen der Computertomographie, nicht ohne auf die Schönheit des menschlichen Gehirns zu verweisen
Der Wille zum Widerstand gegen die Diktatur ist ihm in die Wiege gelegt. Sein Vater, ein bekannter Nationaldichter, musste nach einer Denunziation fünf Jahre in der Wüste Gobi als Deportierter Toiletten putzen. Für Ai Weiwei gab es in China niemals sauberere Toiletten, als diejenigen, für die sein Vater zuständig war. Herta Müller erklärte den Grund: Auch bei Oskar Pastior und Georges Arthur Goldschmidt, der über Jahre in einem katholischen Internat misshandelt wurde, beobachtete sie die besondere Hingabe, mit der die Gedemütigten jene Aufgaben erfüllten, zu denen sie verurteilt waren. „In dieser Sorgfalt gewannen sie ein Stück ihrer Würde zurück“, bemerkte Herta Müller.
Unterschiedlich denken die beiden über die Werkzeuge der Rebellion. Für Ai Weiwei stellt das Internet ein wichtiges Instrument im Kampf gegen das Regime in Peking dar. Herta Müller denkt skeptisch darüber: „Wohin führen diese Informationen letztlich?“, fragt sie; „das Regime besitzt die Macht, es sagt: ,Wir wissen, dass ihr wisst.“ Protest scheint ihr nur wirkungsvoll, wenn die Menschen von den Bildschirmen fort auf die Straße finden. Ai Weiwei antwortet darauf: „Ein Zimmer ohne Licht ist anders als eines mit einer Kerze
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22. April 2012,
E-Werk Köln