Von Olaf Weiden, 14.03.10, 20:12h
Der Abend beginnt wie ein Leinwandkrimi. Vom Band stottert ein Oldtimermotor durchs Off, kommt näher und nagelt noch ein wenig, Dieselqualm weht in die Bühnendekoration: Ein perfekt naturalistisch gestaltetes Waldstück (Bühne, Kostüme: Friedrich Eggert) ersetzt die Tristesse eines Wohnraums, in der das letzte Telefonat einer Frau mit ihrem langjährigen Geliebten vom Komponisten Francis Poulenc eigentlich geplant ist.
Mottl übernimmt die Idee zur filmischen Selbstmordszene aus dem Monolog der Frau - der Gesprächspartner existiert nur als stummes Gegenüber. Das Telefonat wird zum inneren Monolog einer Halluzinierenden, hastig eingeworfene Pillen verstärken die Prozesse. Nicola Beller Carbone debütierte jetzt in Köln mit dieser Rolle, sie studierte Schauspiel in Spanien und Gesang in Madrid, und diese beiden Talente qualifizieren sie nachhaltig für die großen dramatischen Bühnenrollen auf der Oper.
Mit ihrer fesselnden Darstellung, einem wohl gesetzten Crescendo der Emotionen vom hektischen Parlando bis zur großen Szene, genügte sie jeder Forderung der Regie. Hinzu trat der schwungvolle Klang des Gürzenich-Orchesters, geleitet von Oleg Caetani, der es meisterhaft verstand, die dynamisch sehr sensible Partie immer zu tragen, ohne sie auch nur im Geringsten zu überdecken.
Das galt auch für die folgende Blaubart-Premiere, deren im Dialog gesteigerte Dramatik die rhythmische Prägnanz und den Farbreichtum im Graben noch verstärkte. Wieder erzielte Caetani - man freut sich schon auf seinen „Don Carlo“ - eine wirklich gelungene Abmischung, wie sie das Kölner Publikum relativ selten erlebt. Jetzt sangen Takesha Meshé Kizart die neugierig-ergebene Judith und der zu einem Kölner Hausliebling avancierende Johannes Martin Kränzle (der Beckmesser der „Meistersinger“ und der Jäger im „Füchslein“) ein sängerisch und gestalterisch virtuoses Paar.
Regisseur Mottl verlegte die Burglandschaft in ein zunächst spießig wirkendes bürgerliches Schlafgemach mit Doppelbett, Einbauschrank und Trimmrad. Sieben Türen werden in Blaubarts Burg aufgeschlossen, sieben Schritte für Judith, die Psyche ihres Geliebten Blaubart zu entschlüsseln. Mottl inszeniert einen grauseligen Albtraum, in dem Judith ihren „Mann“ als dunkle Figur in historischer Kleidung in ihrem Schlafzimmer antrifft. Hier verwandelt Wolfgang Göbbel (Licht) die düstere Schlaflandschaft in einen funkelnden Höllenschlund, immer neue Räume glühen auf, bis die siebte Kammer die untoten Frauen Blaubarts enthüllt. In deren Reihe hat sich nun Judith einzugliedern.
Stimmlich und musikalisch waren beide Stücke auf sehr hohem Niveau. Dass hier abseits der „Oper für alle“ zwei Werke in französischer und ungarischer Originalsprache auch szenisch-psychologisch etwas riskieren durften, ohne vom Publikum für zahllose Unstimmigkeiten von Text und Szene abgestraft zu werden, resultiert sicher aus der Übersetzung dieser sehr intensiven Psycho-Szenen: Frau am Telefontisch und Paar im Rittersaal würde den Inhalten heute nicht gerecht. Es siegte an diesem Abend die Angemessenheit der interpretatorischen Mittel für zwei sehr schwere Brocken.
Wer sich auf die wunderbare Musik von Poulenc und Bartók freut, den werden auch die Bilder begeistern. Bei Blaubart reicht Mottl sogar ein Happy End nach: Judith erwacht im Bett, neben ihrem Mann: Alles nur geträumt!
2¼ Std. mit Pause. Vorstellungen am 19. / 21. / 26. März. Tel. 0221-221 28400.
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22. April 2012,
E-Werk Köln