Von Hartmut Wilmes, 17.03.10, 22:57h
Kein Zweifel, der Kölner Bestsellerfabrikant Schätzing und die lit.Cologne - das passt. Beide wollen weg von vergilbten Veranstaltungs-Schablonen, beide halten geringen Publikumszuspruch nicht für einen elitären Qualitätsnachweis. Gelesen wurde gestern Abend bei „Limit live“ natürlich auch. Aber eben nicht aus dem 1320 Seiten umfassenden Wälzer (KiWi, 26 Euro), sondern technisch aktuell aus dem E-Book-Reader. Und zwar gerade so viel, dass einen der lässig umherschlendernde Autor suggestiv in sein 2025 spielendes Großmächte-Rennen um die Rohstoffreserven des Erdtrabanten zieht.
Der Rest ist eine Mischung aus High-Tech, Musik, nicht immer stratosphärischem Kabarett und populärwissenschaftlicher Plauderei. Mickrige Einspielfilmchen kommen dem gelernten Werbeprofi natürlich nicht auf die Riesenleinwand. Hier saust der Weltraumaufzug an Kohlefaserseilen perfekt animiert ins All, und auch bei der Kino-Kreation der Figuren wird geklotzt. „Tatort“-Star Jan Josef Liefers mimt den erdgebundenen Detektiv Owen Jericho, der sich mit seinem geistigen Vater ein amüsantes virtuelles Scharmützel liefert und dabei droht, in die Romane Dan Browns zu desertieren. So bekommt der „Limit“-Autor elegant einen weiteren Handlungsstrang seines Buchs zu fassen, das hier eher Stichwortgeber für Effekte als zentrales Thema ist.
Konsequent legt Talentbündel Schätzing einen selbstgeknüpften Klangteppich unter den ganzen Abend und versucht sich mit wechselndem Erfolg als Alleinunterhalter. Witzig zerpflückt er die Zukunftsskepsis früherer Jahrzehnte („Maschinen, die schwerer als Luft sind, können nicht fliegen“) und malt in Nachrichtensendungen aus dem Jahr 2025 schon einmal die politischen, geografischen und sportlichen Verwerfungen aus.
Sex im All darf nicht fehlen, und einige Gags mit abgelaufenem Verfallsdatum müssen ebenso an Bord. So wundert man sich eigentlich nur, dass der als exzellenter Koch geltende Schriftsteller auf der Bühne nicht auch noch ein viergängiges Space-Menü brutzelt. Spott beiseite, Schätzing ist als Alleinunterhalter alles andere als fehlbesetzt. Und kurzweiliger als der Roman mit seinem dramaturgischen Triebwerkstottern ist der clever durchkalkulierte Abend allemal. Schwebt Frank Schätzing also in einer neuen Umlaufbahn der Literatur-Verbreitung? Möglicherweise. Wobei man sich auch fragt, ob diese hochprofessionelle Nummernrevue überhaupt noch ein Buch als Anlass braucht... Martin Walser nimmt Reich-Ranicki dessen Romanverriss unter dem Titel „Jenseits der Literatur“ bis heute übel - Frank Schätzing würde die Überschrift vielleicht als Kompliment für eine gute Show verstehen.
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22. April 2012,
E-Werk Köln