Von Stefan Volberg, 17.03.10, 19:51h, aktualisiert 17.03.10, 19:54h
So zum Beispiel im Archivamt für Westfalen in Münster. Dort haben sich Diplom-Restauratorin Birgit Geller und Volontärin Yvonne Lang mit dem „Transfixbrief“ von 1513 beschäftigt, der eine Ergänzung war zum Verbundbrief (1396), der ersten städtischen bürgerlichen Verfassung. Durch den Transfixbrief wurde das andere Dokument präzisiert und erweitert, bürgerliche Freiheiten und Rechte wurden gestärkt, so auch die Kontrolle der städtischen Verwaltung.
Die Urkunde von 1513 wurde aus 0,3 Millimeter starkem, 64 mal 85 Zentimeter großem Pergament gefertigt. Es befanden sich 23 über Kreuz gebundene, rot-weiße Seidenkordeln daran, so genannte Siegelpressel, an denen ursprünglich grüne Wachssiegel befestigt waren: das gotische Stadtsiegel (seit 1271 offizielles Siegel) und die Siegel der 22 Gaffeln der Stadt.
Durch den Archiveinsturz entstanden große Fehlstellen in dem historisch sehr bedeutenden Stück. Die Urkunde bekam Risse, etliche Wachssiegel wurden unrettbar zermalmt, andere sind nur in Fragmenten erhalten. Ziegelabrieb drückte sich in das Pergament, es gab Rostspuren, sonstige Verschmutzungen, der Bauschutt wirkte wie Schmirgelpapier. Das Dokument sah schauderhaft aus.
Am Anfang stand die Trockenreinigung mit Schwämmen, Bürsten, Pinselchen. Die Seidenpressel wurden gesichert, die Risse geschlossen, die wenigen Siegelfragmente mit Restaurierwachs in ähnlicher, aber nicht gleicher Farbe ergänzt: „Als Restaurator muss man deutlich machen, wo das Original aufhört und die Ergänzung anfängt.“ Dasselbe galt auch für Ergänzung der Fehlstellen mit langfasrigem Japanpapier. Das wurde benutzt, weil es sich physikalisch ähnlich verhält wie Pergament. Die Ergänzungen sind auf jeden Fall wieder umkehrbar: „Es kann ja sein, dass noch Teile unter den vielen geborgenen Schnipsel gefunden werden.“ Schließlich wurde der Transfixbrief mittels Feuchtigkeit und aufgelegten Gewichten weitgehend geglättet, dann getrocknet. Als Letztes wurde ein Schutzbehältnis gefertigt, damit man das restaurierte Stück lagern kann.
Alle Maßnahmen samt Trocknungszeit dauerten insgesamt zwei bis drei Monate. Der Aufwand an Arbeitszeit, Material und 19 Prozent Mehrwertsteuer dürften um die 2000 Euro betragen haben, schätzt Nadine Thiel - gar nicht so übermäßig viel, wie man als Laie gedacht hätte. Derzeit wird eine Restaurierung nur in Auftrag gegeben, wenn ein „Pate“ dafür zur Verfügung steht. „Wir bieten schon Stücke für 300 Euro an“, sagt die Fachfrau. Die Kalkulation gehört nach fachlicher Beratung mit den Archivaren auch zu den Aufgaben der Restauratoren. „Derzeit haben wir 60 ,Patenkinder.“ Im Internet kann man sich die Angebote sowie die Preisvorstellungen anschauen und aussuchen. Als Dankeschön bekommt der Pate eine Dokumentation der Restaurierung, und auf der Kassette zur Aufbewahrung wird ein Aufkleber angebracht, der auf den Spender hinweist.
Früher war Nadine Thiel (29) die einzige Restauratorin im Stadtarchiv; vor dem Einsturz waren allerdings zwei weitere Stellen ausgeschrieben. „Jetzt sind wir zu neunt. Wir sind die größte Abteilung des Stadtarchivs und mindestens deutschlandweit die einzige Institution, die so viele akademisch ausgebildete Restauratoren, Fachbereich Papier, hat wie wir.“ Zu dem Gebiet gehören auch Handschriften auf Pergament, Holz, Leder, Metallen sowie fotografische Materialien.
Die Ausbildung (Thiel studierte an der Fachhochschule Köln) ist aufwendig - und langwierig: sieben bis zehn Jahre. Viele Kollegen machen zuerst eine Buchbinderausbildung, dann ein zweijähriges Praktikum, in dem restauratorische Grundkenntnisse vermittelt werden, und erst nach bestandener Aufnahmeprüfung kann das mindestens achtsemestrige Studium beginnen (Schwerpunkte Chemie, Physik und Kunstgeschichte), das in der Praxis oft länger dauert. Thiels Ausbildung endete zum Jahresende 2006. Das Team ist sehr jung, „und es macht Spaß, mit den Kollegen zu arbeiten“. Auf die Dauer freut sich Nadine Thiel indessen wieder auf die Werkstatt: „Ich bin nicht Restauratorin geworden, um am Schreibtisch zu sitzen.“
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