Von Hans-Willi Hermanns, 19.03.10, 19:19h, aktualisiert 19.03.10, 19:29h
Vermutlich ist das mit dem „penibel“ ja ironisch gemeint, aber wer weiß. Ihren zerbrechlich-androgynen Gerupfte-Krähen-Look mit dem verfilzten Schopf hat die Poetin und Sängerin in den vergangenen 35 Jahren jedenfalls nur unwesentlich modifiziert. Doch reine Nachlässigkeit war das nie, sondern bewusstes Styling. Wie auch ihre aktuelle, Assoziationen an die Kleiderkammer weckende Garderobe nach ihren Vorstellungen von einer Designerin entworfen wurde, wie die 63-Jährige freimütig bekennt.
Wer „Just Kids“ liest, die Darstellung der ungewöhnlichen Liebes-, später Freundschaftsbeziehung zu ihrem seelenverwandten Partner, dem Fotografen Robert Mapplethorpe, wird auch auf einige andere Missverständnisse stoßen. Etwa wenn es um die geläufige Vorstellung von der Smith als Punk-Ikone geht. Da treffen sich zwei aus der Zeit gefallene junge Leute im New York des Jahres 1967 und leben geradezu versessen Künstlerbiografien des 19. Jahrhunderts nach, mit all dem Hunger, dem Dreck, der Poesie, dem Rausch und auch dem Abseitigen.
Kunst ist harte Arbeit und sie ist Gottes-Dienst, und Patti Smith hat ihren Privat-Pantheon mit William Blake, Arthur Rimbaud, John Coltrane, Bob Dylan, Jimi Hendrix oder Jim Morrison immer schon gerne vorgezeigt: „Ich fühlte, wie wir eines wurden“, beschreibt sie dem Presse-Volk ganz ungeniert das mystische Erlebnis während eines Doors-Konzerts.
Damit solche Energien wieder ungehindert fließen konnten, darf man vermuten, musste sie die allzu glatten Oberflächen der Siebziger-Jahre-Rockmusik tüchtig abkratzen und abschaben. Mit dem Nihilismus von Bands wie den Sex Pistols indes hatte das nur oberflächlich zu tun. Peinlich ist dieser Romantizismus nie, schon weil Smith ihn immer wieder ganz entspannt bricht: „Ich rede immer noch mit ihm“, sagt sie über Mapplethorpe, der früh seine homosexuellen Neigungen entdeckte und 1989 an Aids starb, und die Sängerin ergänzt: „Aber ich rede auch mit meinem toten Mann und mit Hesse oder Raphael - ich habe interessante Dinner-Partys.“ Ein außerordentlich gut lesbares, uneitles und warmherziges Buch hat Patti Smith geschrieben. Nicht zuletzt über New York in einer aufregenden Zeit, über das Chelsea Hotel, die Lower East Side, über Leute wie Allen Ginsberg, Sam Shepard und Tom Verlaine.
„Heute könnte so eine Szene dort nicht mehr entstehen, es ist viel zu teuer geworden“, meint sie melancholisch. „Man muss den Politikern und Planern sagen, dass sie Rücksicht auf solche Traditionen nehmen sollten. Das ist wohl auch in Köln ein Problem, wie ich gehört habe.“ Dann nimmt sie noch ihre akustische Gitarre auf, schrammelt ein paar Akkorde, singt mit ihrer leicht krächzigen, beschwörenden und hymnischen Stimme zwei Songs und kommentiert triumphierend: „Ich spiele noch genauso schlecht wie früher. Aber Musik ist eben Kommunikation. Und die ist nicht immer hübsch.“
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22. April 2012,
E-Werk Köln