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Fussball

Die Gewalt kehrt zurück

Von Jens Meifert, 19.03.10, 21:20h

Immer wieder kommt es bei Fußballspielen zu Gewalt. Auch beim Derby zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach ist die Polizei in Alarmbereitschaft und mit mehreren Hundertschaften am Stadion.

Fußballstadien Gewalt
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Immer wieder kommt es in Fußballstadien zu Gewalt. (Bild: dpa)
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Immer wieder kommt es in Fußballstadien zu Gewalt. (Bild: dpa)
Freitagabend, Köln-Müngersdorf: Das Flutlicht strahlt ins Stadion, die Fans schmettern ihre Hymne und verwünschen den Gegner mit herzlichster Verachtung. Derby-Stimmung am Rhein. Doch das heißt längst auch Alarm-Stimmung. Wie am Freitag beim Zusammentreffen der ewigen Rivalen aus Köln und Mönchengladbach, tritt die Polizei bei Risikospielen mit mehreren Hundertschaften an. „Die Gewalt nimmt wieder zu“, sagen nicht nur Polizisten, sondern auch Fan-Beauftragte.

Spätestens nachdem 100 Berliner Fans nach dem gefühlten Abstieg der Hertha den Innenraum stürmten und Trainerbänke zerhackten, diskutiert das Land wieder über Randale im Stadion. Dabei war die Erstürmung des Rasens durch den Berliner Mob nur die optische Spitze einer Reihe von Gewalttaten. In Bochum entzündeten vor wenigen Wochen Nürnberger Anhänger Magnesiumpulver, so dass neun Personen verletzt wurden, drei davon schwer.

Auch der 1. FC Köln hat immer wieder Probleme mit seinen Anhängern. Montag muss der Verein bei einer Anhörung des DFB eine empfindliche Strafe fürchten (siehe Artikel unten). Im November versuchten FC-Anhänger in Bochum den Gästeblock zu stürmen und verletzten einen Ordner schwer, beim Spiel in Leverkusen vor zwei Wochen gab es insgesamt 60 Festnahmen auf beiden Seiten.

Die Polizei spricht von mehreren hundert Fans, die bei den Spielen ins Visier rücken. Allein 200 Personen aus der FC-Anhängerschaft durften sich nach Polizeiauflage gestern nicht in Stadionnähe aufhalten. Der Fan-Beauftragte des Vereins, Rainer Mendel, sagt, es seien 100 bis 200 Leute, „die sich nicht an die Regeln halten“. Insgesamt kämen 50 000 Menschen ins Stadion.

Am Dienstag tagt in Berlin ein Runder Tisch zum Thema. Mit dabei: Innenpolitiker, DFB, Deutsche Fußball-Liga (DFL), Fans und Polizei. Im Fokus wird die Gruppe der Ultras stehen. Diese haben ab Mitte der 90er Jahre mit überdimensionalen Transparenten und kreativen Gesängen für Stimmung gesorgt. Die Gewaltexzesse der Hooligans schienen gebannt, die Ultras belebten die Atmosphäre und grenzten sich von fremdenfeindlicher Stimmung ab. Einigendes Band der Bewegung war und ist der Kampf gegen die Kommerzialisierung.

Zunehmend scheint die Szene aber nun von Gewaltbereiten unterwandert zu werden. Fan-Forscher Gunter A. Pilz, seit Jahren so etwas wie der Stand-by-Experte für Gewaltfragen in Stadien, sieht bereits eine neue Generation von Problemfans heranwachsen (siehe Interview). Pilz nennt sie „Hooltras“, eine Wortkreation aus „Hooligans“ und „Ultras“.

Tatsächlich ist die Ultra-Szene besonders für Jugendliche attraktiv. Neu ist die Aggressivität aus der Szene, die sich zunehmend auch gegen den eigenen Verein richtet. Als der VfB Stuttgart im vergangenen Jahr Spiel um Spiel verlor, skandierten die Fans: „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot.“ In Dresden hoben Dynamo-Fans in einer Nacht-und-Nebel-Aktion elf Grabstätten auf dem Trainingsplatz aus. Nur als Mahnung.

In Köln zählen die Ultras der „Wilden Horde“ rund 800 Mitglieder, mit der „Jungen Horde“ gibt es inzwischen sogar eine Jugendabteilung. Pascal Göllner ist der Szene entwachsen. Der 29-Jährige war 1996 einer der Gründungsväter der Horde und zehn Jahre lang Vorsitzender. Er sagt: „Es ist heute eine gewisse Gewaltbereitschaft, ja.“ Nur gebe es die eben in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen auch. Das müsse fast zwangsläufig auf den Fußball abfärben. Der FC-Fan fordert „Dialog“, sieht aber seit dieser Woche, einen „fatalen Kreislauf“ in Gang gesetzt. Die Fans würden unter Generalverdacht gestellt, viele fühlten sich dadurch provoziert - mit erwartbaren Folgen.

Besonders unbeliebt gemacht hat sich bei den Fans der Chef der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt. Er urteilte: „Wer ins Stadion geht, begibt sich in Lebensgefahr.“ Wendt forderte nach der Berliner Randale die Abschaffung der Stehplätze (die es in Berlin gar nicht gibt), Geisterspiele und den Verkauf von Eintrittskarten nur gegen Personalausweis. DFB und DFL gingen umgehend auf Distanz. Die Fan-Projekte erst recht, denen warf Wendt „Bastel-Arbeit“ vor. Ralf Busch findet das „unverschämt“. Der Sprecher der bundesweit 40 Fan-Projekte hat ebenfalls „eine Radikalisierung“ erkannt, einige Mitglieder der Ultra-Szene seien bereit, „Grenzen zu überschreiten“. „Mit Repressionen kommen wir aber nicht weiter.“ Auswärtsfans, die am Bahnhof sofort in einen Polizeikessel genommen werden, fühlten sich sofort als Problemfans behandelt und provoziert. In Leverkusen hätten die FC-Anhänger 500 Fahnen am Stadion abgeben müssen, erzählt Fan Göllner, aus Sicherheitsgründen. Teilweise gelte ja schon eine Bratwurst als potenzielles Wurfgeschoss.

Andererseits hält Fan-Sprecher Busch die Tugend der Selbstkritik bei den Ultras für „unterentwickelt“. Das Gewaltproblem wird zwar erkannt, aber nach außen hin zeigt man sich als geschlossene Gruppe. Auch Rainer Mendel aus Köln vermisst dies manchmal: „Eine deutliche Distanzierung zu Gewalttätern wäre wünschenswert.“ Immerhin drohe das gesamte Image der Ultra-Bewegung in Deutschland in Frage gestellt zu werden.

Vorerst hoffen alle Beteiligten auf ein ruhiges Wochenende. Ein erneute Eskalation wie am vergangenem Samstag würde eine besonnene Diskussion wohl unmöglich machen.



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