Von Hartmut Wilmes, 08.03.10, 08:22h, aktualisiert 09.03.10, 11:13h
Auf jeden Fall war ihr Irak-Kriegsdrama „Tödliches Kommando - The Hurt Locker“ der Abräumer des Abends: Sechs Trophäen nach neun Nominierungen, darunter in der Königs-Kategorie „Bester Film“ - dies besiegelte zugleich Bigelows Triumph über ihren Ex-Ehemann James Cameron. Der hatte mit „Avatar“ ebenfalls neun Chancen, wurde dann aber mit drei randständigen Goldjungen und einem schmallippigen Lob der Siegerin abgespeist: „Nun, ich denke, er ist wirklich ein außergewöhnlicher Filmemacher.“
Dass Geld eben doch keine Oscars gewinnt, hat die Academy diesmal eindrucksvoll bewiesen: Bigelows aufwühlende Nahaufnahme des Nerven (und Körper) zerfetzenden Jobs männlicher Bombenentschärfer tat sich an der Kinokasse überaus schwer: Hierzulande etwa lockte der Film gerade 50 000 Zuschauer in die Kinos.
Ganz anders der effektgesättigte Fantasy-Knüller „Avatar“, der bislang weltweit 2,5 Milliarden Dollar einspielte. Doch die schmerzhafte Realität zwischen Sandsturm, Hitze und täglicher Gefahr lag der Traumfabrik diesmal näher als die fliegenden Berge des Fabelplaneten „Pandora“. Konsequent, dass Bigelow ihren Sieg „unseren Frauen und Männern in der Armee“ widmete, „die im Irak oder in Afghanistan täglich ihr Leben riskieren“.
Die zweite Heldin im Kodak Theatre war Sandra Bullock. Am Vortag hatte sie sich für den Flop „Verrückt nach Steve“ ebenso stoisch wie humorvoll den Schmähpreis „Goldene Himbeere“ abgeholt. Nun folgte der Hauptdarstellerinnen-Oscar für das authentische Drama „Blind Side“, in dem sie als betuchte Hausfrau einen schwarzen Ghetto-Knaben aufnimmt. „Habe ich den Preis wirklich verdient, oder habe ich euch einfach nur lange genug zermürbt?“, fragte sie in ihrer Dankesrede. Nun will sie beide Trophäen ins gleiche Regal stellen, „die Himbeere vielleicht ein bisschen tiefer“.
Abwärts gings für die deutschen Hoffnungen. Zwar holte der in Deutschland seit Jahren präsente Österreicher Christoph Waltz als kultivierter SS-Sadist in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ erwartungsgemäß gleich den ersten Preis des Abends - das „Über-Bingo“, wie er meinte. Ein vollauf verdienter Sieg, schließlich ist sein messerscharf gespielter Part trotz der Star-Präsenz von Brad Pitt die gefühlte Hauptrolle. Doch Michael Hanekes beklemmende Gewalt-Studie „Das weiße Band“, für den Auslands-Oscar wie für die beste Kamera nominiert, ging leer aus. Auch der von Berliner Produzenten gemachte Film „Ajami“ konnte nicht in die Bresche springen, und Hans Zimmer hatte mit dem Soundtrack von „Sherlock Holmes“ ebenfalls eine Oscar-Niete gezogen.
Das hätte Jeff Bridges nun schon zum fünften Mal passieren können, doch dem abgetakelten Country-Sänger in „Crazy Heart“ pumpte er so viel Herzblut in die maroden Venen, dass es endlich mit dem Preis klappte. Stolz reckte Jeff den Oscar gen Himmel und grüßte so seinen Vater Lloyd Bridges.
Oscar-reife Gefühle lieferten andere: Die farbigen Preisträger des Gossendramas „Precious“ ließen die Tränen strömen, James Taylor sang für Patrick Swayze und all die anderen Kino-Toten des Jahres. Schade nur, dass die Moderatoren Steve Martin und Alec Baldwin insgesamt eher als doppelte Spaßbremse wirkten. So durften ihnen Tina Fey und Robert Downey jr. bei der witzigen Präsentation der besten Original-Drehbücher die Schau stehlen. Und während technisch alles perfekt abschnurrte, stimmte das Timing gar nicht: Jene Zeit, die man mit einer Mammut-Tanznummer verplempert hatte, fehlte für die Königsklasse: Obwohl seit langer Zeit wieder zehn Kandidaten für den besten Film des Jahres zugelassen waren, geriet die Siegerkür fast schon in den Abspann. Für so viel Pünktlichkeit dürfte nur der gedemütigte Cameron dankbar gewesen sein.
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