Schriftgröße

Stalker

Verfolgt vom Ex-Freund

Von Susanne Issig, 09.03.10, 10:56h

Unter dem Psychoterror von Stalkern leben die Opfer oft wie ein gehetztes Tier: sie ziehen sich immer weiter zurück, empfinden oft panische Angst und entfremden sich von ihrem sozialen Umfeld. Manchmal bleibt nur der Wegzug.

Stalker Telefon
Bild vergrößern
Unerwünschte Liebesschwüre per Telfon und SMS: Ein Stalker verfolgt sein Opfer. (Bild: dpa)
Stalker Telefon
Bild verkleinern
Unerwünschte Liebesschwüre per Telfon und SMS: Ein Stalker verfolgt sein Opfer. (Bild: dpa)
Kaum war Nicole Enders (Name geändert) aus dem Zug gestiegen, klingelte schon wieder das Handy. „Ich seh' dich. Du hast eine rote Tüte in der Hand“, sagte die allzu bekannte Stimme. „Ich bin ganz in deiner Nähe.“ Hektisch sah Enders sich um. Tatsächlich, nur ein paar Meter entfernt stand er, ein schräges Grinsen im Gesicht.

Mehr als anderthalb Jahre lang gab es kaum einen Moment in ihrem Leben, in dem die heute 24 Jahre alte Nicole Enders sich unbeobachtet fühlen konnte. Ihr gleichaltriger Ex-Freund verfolgte und bedrohte sie. Er rief sie zu jeder Uhrzeit an und schickte Dutzende SMS pro Tag.

„Er drohte, meinem Vater etwas anzutun“

Immer wieder bedrängte er sie so lange, bis sie einwilligte, ihn doch wieder in ihre Wohnung zu lassen. „Er sagte, er würde mich umbringen oder meinem Vater etwas antun“, so die junge Frau. Immer wieder endet Stalking tatsächlich in Gewalt: Erst gerade wurde ein 21-Jähriger in Köln festgenommen. Er hatte jahrelang seiner Freundin nachgestellt.

Auch Nicole Enders lebte wie ein gehetztes Tier. Lange versuchte sie, vor Familie und Freunden zu verbergen, dass sie ein Stalking-Opfer geworden war. Sie zog sich immer weiter zurück. Sie ging kaum noch aus, sie traf sich nur noch mit wenigen eingeweihten Freundinnen. „Nur auf der Arbeit hat er mich in Ruhe gelassen“, berichtet sie.

Einen solchen „stalkingfreien“ Raum gibt es im Leben von Andrea Schmidt (46, Name geändert) aus Köln nicht mehr. Ihr Ex-Freund, der in einer anderen Stadt lebt, setzte nach der Trennung vor gut anderthalb Jahren zunächst ebenfalls auf die „klassischen“ Nachstellungsmethoden: SMS-, E-Mail- und Telefonterror und Auflauern an unerwarteten Orten. „Eines Nachts saß er auf meiner Terrasse und sprach mich an“, so Schmidt.

Später begann er, ihr gesamtes Umfeld mit verleumderischen Briefen zu überziehen, in denen er unter anderem behauptete, sie besuche Swingerclubs.

„Es war sehr bitter für mich, dass manche, die ich für meine Freunde hielt, sich nicht trauten, mich darauf anzusprechen, sondern stattdessen mit Dritten darüber redeten“, erzählt die 46-jährige Kölnerin. Das einst gute Verhältnis zu ihren Schwiegereltern entglitt in gegenseitige Vorhaltungen und ist heute sehr distanziert.

Schmidt versuchte durchaus, sich zu wehren. Sie erwirkte eine „einstweilige Verfügung“ bei Gericht, die es ihrem Ex für mehrere Monate untersagte, sich ihr zu nähern. „Darüber hat er sich einfach hinweggesetzt“, erzählt sie.

Einmal, als er ihr vor dem Schwimmbad aufgelauert hatte, rief sie per Handy die Polizei. Die Beamten erklärten ihr, dass sie nichts tun könnten, solange der Mann die vorgeschriebenen 50 Meter Abstand einhalte und sich sonst unauffällig verhalte. „Da wusste ich, dass dieses Näherungsverbot gar nichts bringt.“

Wenig später erstattete sie erstmals Strafanzeige gegen den Stalker. Das Verfahren wurde zu ihrem Entsetzen eingestellt, der Fall als „Beziehungstat“ abgetan.

Ihr Peiniger erstattete im Gegenzug gleich mehrere Anzeigen gegen sie - die sich allesamt als haltlos erwiesen, die Verfahren wurden eingestellt.

Schon vor geraumer Zeit musste Schmidt sich eingestehen, dass sie ihren Alltag als alleinerziehende Mutter mit drei Kindern und einem fordernden Job kaum noch bewältigen konnte. Heftige Migräneattacken und schwere Depressionen lähmten sie. Sie begann eine Psychotherapie. „Das baut mich langsam etwas auf“, sagt sie. „Aber solange dieser Psychoterror nicht aufhört, kann ich nicht aufatmen.“

Im Sommer 2009 erstattete sie erneut Strafanzeige. „Es ist schon mehr als ein halbes Jahr her, und es wurde nicht einmal Anklage erhoben“, berichtet sie enttäuscht.

Immerhin schien die zweite Anzeige den Stalker doch etwas abzuschrecken. Eine Zeit lang hatte die 46-Jährige Ruhe. Doch vor kurzem startete der Mann eine neue Offensive: Er bedroht sie wieder telefonisch und per Mail und streut böse Hetz-Mails in ihrem Freundeskreis.

„Wenn meine Kinder nicht wären und der Job, würde ich versuchen abzutauchen“, sagt Schmidt.

Nicole Enders hat es tatsächlich geschafft, ihren Stalker abzuschütteln. Sie kündigte von einen Tag auf den anderen ihren Job. Um ihre Spur zu verwischen, erzählte sie, sie werde ins Ausland gehen. In panischer Angst, ihr Verfolger könnte jeden Moment auftauchen, räumte sie ihre Wohnung aus und floh zu einer Tante. Noch auf der Fahrt zerknickte sie ihre Handy-Karte und warf sie weg. Ihr Stalker bombardierte ihre Eltern und ihre Freundinnen über Wochen mit Anrufen, um herauszufinden, wo sie war. „Zum Glück haben die wenigen, die Bescheid wussten, absolut dichtgehalten“, erzählt sie. Irgendwann gab er auf.

Heute lebt Nicole Enders wirklich mit ihrem neuen Freund im Ausland. „Ich bin so erleichtert, dass ich diesen Alptraum hinter mir lassen konnte“, sagt sie. Die Kleinstadt in Rheinland-Pfalz, in der sie aufgewachsen war und in der auch ihr Stalker wohnt, hat sie seit ihrem hastigen Wegzug im Sommer nicht mehr besucht.



Die Kölnische Rundschau im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Rundschau zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Veranstaltungssuche

 

Veranstaltungs-Tipps

Manic Street Preachers

22. April 2012,
E-Werk Köln

 

Anzeige


Anzeige


rundschau-schulfinder

Finden Sie die passende Schule für Ihr Kind

Stadt:
und
PLZ:
und / oder Schulform
Gymnasium
Hauptschule
Realschule
Gesamtschule


Rundschau live


Bildergalerien


Rundschau auf Facebook

Kölnische Rundschau on Facebook

Rundschau-Service


Rundschau-Service


Rundschau-Webbewerb


Serie


Bussgeldkatalog


Extra


Dienste