Von Katrin Voss, 10.03.10, 11:24h, aktualisiert 10.03.10, 11:25h
Urlaub ist zweifelsohne mehr als die bloße Abwesenheit vom Arbeitsplatz. Schon deshalb muss die Reiseindustrie, die mit unserem Freizeitverhalten Geld verdienen will, Bedürfnisse beobachten, wecken - und daraus Trends formen. Wie sich die Menschen am liebsten erholen, diese Frage unterliegt dem Zeitgeist, natürlich auch der Konjunktur - und ist somit hochgradig individuell. Einen deutlichen Trend meldet die Tourismusbranche schon vorab: Danach planen wir Deutschen im Jahr eins nach der Wirtschafts- und Finanzkrise unseren Urlaub bewusster denn je - das gilt für Preis und Programm.
Möglichst speziell
Speziell ist, was besonders ist und einfach noch obendrauf gepackt wird. Eine selbstironische Idee hatte Thomas Cook mit seinem "Komfort-sorglos-Paket". Damit können sich Urlauber Liegestühle und Sonnenschirme schon zu Hause mitreservieren. Testland ist derzeit die Türkei - ein Buchungsgag für alle, die keinen Handtuch-Streit wollen. Bei ITS gab es im Winter eine Kranken- und Unfallversicherung für Skireisen nach Österreich, Italien und in die Schweiz inklusive. Es gibt Single- und Blind-Date-Reisen, bei denen wird schon bei der Buchung auf passendes Alter und Ausgewogenheit der Geschlechter geachtet, damit die Segel- oder Skitruppe im Urlaub auch ja zusammenpasst. In der bayerischen Ferienregion Allgäu wohnen Kinder, die in Begleitung ihrer Eltern oder Großeltern reisen, im selben Zimmer oder derselben Ferienwohnung kostenlos.
Dertour, Meier's Weltreisen und ADAC Reisen sprechen von einer "erfreulichen Entwicklung". Urlauber buchen gezielt und wissen genau, was sie wollen, sagt Michael Frese, Sprecher der Geschäftsführung der DER Gruppe. "2010 wird ein Jahr der Reisebausteine", prognostiziert Frese. Wer verreisen wolle, der suche meist eine Kombination aus Hotel, Flug, Mietwagen oder Transfer plus Event-Arrangement.
Für jeden etwas
In Zeiten knapper Kassen bleibt jedoch wenig Raum für echte Produktinnovationen. "Einen großen Kracher habe ich nirgends gesehen", urteilte jüngst Professor Karl Born, Ex-TUI-Vorstand und Tourismusforscher an der Hochschule Harz in Wernigerode.
Die Branche pusht trotz allem ehemalige Nischenprodukte: Abenteuer- und Outdoor-Reisen sind "in", Pilger-und Brauchtums-Reisen boomen, und der "Eco-Tourismus" - Reisen, die einen Beitrag zum Schutz von Umwelt und sozialem Gleichgewicht der Bevölkerung leisten - soll weiter vorangebracht werden. Ganz Spanien in einem Katalog - das war einmal. Immer stärker versuchen die Veranstalter, bestimmte Zielgruppen anzusprechen. Ob Gartenfreund, Wellness-Fan oder Hobby-Radsportler: "Es gab noch nie ein so diversifiziertes Angebot wie im Moment", erklärt der Sprecher des Deutschen Reiseverbandes, Torsten Schäfer.
Religiös, sportlich, Single oder schwul: "Die Differenzierung nach Zielgruppen wird noch stärker zunehmen", sagt Axel Hübner, Produktmanager bei Neckermann Vital. Dies gelte nicht zuletzt für die "Generation 55 plus", die für Reiseveranstalter immer wichtiger wird. Torsten Schäfer, Sprecher des Deutschen Reiseverbandes (DRV), räumt ein, wie schwierig es sei, im Massenmarkt Neues zu probieren: Gerade Familien wollten keine Experimente, sondern Strandurlaub mit gutem Essen im solide ausgestatteten Hotel.
Deutschland ist "in"
Rund 48 Prozent aller Deutschen planen die Fahrt in den diesjährigen Urlaub mit dem eigenen Auto. Egal, ob Städtetrip oder Aktiv-Urlaub, das Heimatland ist dabei erklärtes Lieblingsziel. Zwischen Haustür und Urlaubsort liegen selten mehr als 750 Kilometer - so lässt sich das Ergebnis einer aktuellen Studie der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen zusammenfassen. Deutschland hat den höchsten Marktanteil mit 37 Prozent und erhält als Sommerurlaubsziel die Note 1,8. Die Konjunktur zerrt am Geschäft, vor allem Campingplätze haben vom starken Trend zum Inlandsurlaub profitiert. So stieg die Anzahl der Übernachtungen auf Campingplätzen im Vorjahr um neun Prozent auf 25 Millionen. Insgesamt könnten die Deutschen auch 2010 aller Voraussicht nach wieder ihren Titel als Reiseweltmeister verteidigen.
Billig buchen
Dass es wieder öfter auf die Friesischen Inseln statt auf die Seychellen gehen wird, ist aber nur ein Trend. Für Flugreisende haben die Reiseveranstalter dank sinkender Kerosinkosten und schwachem Dollarkurs die Preise verbilligt. Besonders schonend für die Urlaubskasse sind in diesem Jahr Ferien in den Ländern rund ums Mittelmeer wie Türkei, Tunesien oder Spanien. Bei gezielter Urlaubsplanung lassen sich die Kosten noch weiter drücken. "Um besonders günstig zu verreisen, muss man nicht auf Last Minute setzen. Auch frühzeitige Reisebuchungen im ersten Quartal werden mit bis zu 30 Prozent vergünstigt", erläutert Tom Reiter von Opodo Deutschland.
Spontanbucher suchen außerhalb der Kataloge nach Angeboten mit tagesaktuellen Preisen. Vorausgesetzt, der Urlauber ist nicht wählerisch in puncto Ziel, Zeit und Unterkunft, kann er zwei Wochen vor dem jeweiligen Abflugtermin bis zu 50 Prozent des Katalogpreises sparen. Aber auch bei Frühbucherrabatten kann man in allen Sparten gut und gerne 30 Prozent günstiger reisen. Das Online-Reiseportal Opodo empfiehlt zudem die Kombination verschiedener Veranstalter-Rabatte. Mit solchen "Multi-Rabatten" wird beispielsweise ein "Sparzimmer" mit einem "Spartipp" und dem "Frühbucherrabatt" zusammen gebucht. Kostenbewusste Urlauber reisen außerdem gegen den Trend: Sie vermeiden die teureren Ferienzeiten im eigenen Land und die Saisonzeiten im Urlaubsland, in denen die Hotelkosten deutlich steigen. Am besten, man legt die schönste Zeit des Jahres in nachfrageschwache Monate: in diesem Jahr auf den Juni. Wer bereit ist, während der Fußball-WM seine Koffer zu packen, kommt in den Genuss zahlreicher Sonderpreise.Wer diese Frühbucherrabatte nutzen will, hat dazu bei den meisten Veranstaltern noch bis Ende März Zeit. Zwar sind die Hotelpreise weltweit so niedrig wie nie, aber auch sogenannte "Economy Accomodations" legen weiter zu - billige Unterbringungen bei großen Low-Cost-Hotelketten oder Jugendherbergen. Das klingt dann doch irgendwie nach Urlaub in der Krise.
Online gewinnt
"Das Jahr 2010 wird ein Online-Reisejahr", sagt Michael Buller, Vorstand des Verbandes Internet Reisevertrieb e. V. (VIR). Teilweise zweistellige Zuwachsraten melden die Online-Reisebüros. Auch manch traditioneller Reiseveranstalter bewegt sich mit der neuen Saison ein Stück weiter weg von den Katalogwelten, nicht mehr alle Angebote sind in den gedruckten Broschüren zu finden. Verschiebt sich das Geschäft also auch bei den klassischen Veranstaltern immer mehr ins Internet? Noch nicht endgültig. Tourismusforscher Karl Born sagt zwar: "Der Katalog verliert an Bedeutung, keine Frage." Sein Aus zu verkünden sei noch um Jahre zu früh.
Alles in einem
Die Reisebranche setzt weiter auf Rundumversorgung im Urlaub. Jeder dritte Deutsche plant dieses Jahr laut einer GfK-Studie einen Rundum-sorglos-Urlaub im Ferienhotel. Beim Branchenprimus TUI steigt das Angebot an All-inclusive-Hotels auf 45 Prozent aller Häuser in den Katalogen.
Auch die Veranstalter Alltours und Neckermann haben mehr Hotels dieser Kategorie im Angebot. In einigen Zielgebieten wie der Türkei, Ägypten oder der Dominikanischen Republik liegt der Anteil an All-inclusive-Hotels sogar bei mehr als 90 Prozent. So günstig wie jetzt (schwacher Dollar, starker Euro) war ein Hotelurlaub seit sechs Jahren nicht mehr. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Hotel-Price-Index.
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22. April 2012,
E-Werk Köln
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